11/2019 – Man erntet, was man sät (Kurze – work in progress)

Vorwort des Autors:
Darf ich vorstellen: Meinen Lieblingscharakter. Der gute Mann ist bisher namenlos, taucht aber mittlerweile in mehreren (unveröffentlichten) Kurzgeschichten auf. Ich liebe ihn sehr und würde ihn als Mischung aus Lemmy und Charles Bukowski bezeichnen. Arbeiten ist nicht seine Lieblingsbeschäftigung; er ist mitunter vulgär, flucht sehr gerne auf schändlichste Art und Weise und wirkt etwas asozial, ist aber schrecklich belesen und trinkt gerne mal einen. Solche Menschen sind tatsächlich in der Kneipenkultur zu finden und dieses Exemplar trägt sein Herz auf der Zunge und am rechten Fleck (nicht in politischer Hinsicht, wie ihr gleich feststellen werdet).

Diese Geschichte ist übrigens eine groteske Satire, bei der Ähnlichkeiten zu lebenden Personen absolut nicht zu glauben wären und sie schafft es irgendwie, politisch korrekt und inkorrekt gleichzeitig zu sein. Verrückt! Sie wird auch nicht jedem gefallen. Aber … was tut das schon im Leben?!

Die Story ist größtenteils unkorrigiert und wird vielleicht noch die ein oder andere Überarbeitung erfahren, bevor sie in meinen Kurzgeschichtenband aufgenommen wird; aber aus gegebenem Anlass musste ich sie heute schreiben und euch schenken.

In diesem Sinne … nie wieder Nazischeiß.
Ian Cushing – 09.11.2019 –

Man erntet, was man sät

Ich schalte den Fernseher aus und zieh mich an. Hätte ich mal lieber ein beschissenes Buch gelesen.
Ich kenne ja die ganzen Argumente, die immer wieder auftauchen … Protest … Dummheit … »Sind ja nicht alle so«.
Fickt die Penner. Der Grund, warum man einen Virus unterstützt, der sich langsam ausbreitet, unweigerlich wüten wird, um anschließend irreparable Schäden im Organismus zu hinterlassen … tja, der Grund ist mir scheißegal. Nicht, dass wir uns missverstehen, meine Freunde! Ich habe hohes Empathiepotential und kann mich in alle Sorgen und Ängste reindenken und reinfühlen. Wenn ich will. Will ich aber nicht, denn hier gibt es keine Empathie zu erwarten. Keine Toleranz. Keine Akzeptanz.

»Scheiße«, murmel ich die ganze Zeit vor mich hin. Ich nehme meinen Schlüssel und verlasse meine Wohnung in der achten Etage eines gammeligen Hochhauses. Da der Aufzug seit Jahren kaputt ist, nehme ich die Treppen und in jeder Etage denke ich: Wer von den Krachlatten, die hier hausen, ist so bescheuert gewesen, sich sein eigenes Grab zu wählen?
Nachdem ich das Haus verlasse, marschiere ich zehn Minuten lang zu dem Landhotel. Meinem Landhotel, denn mein Konsum trägt sicher ordentlich dazu bei, dass der Kasten noch existiert.
Ich betrete die Raucherkneipe im Erdgeschoss und murmle: »Moin, Christine. Gedeck. Bitte. Scheiß Idiotenpack.«
»Was ziehst du denn für ein Gesicht?«, erkundigt sie sich und schenkt mir nebenbei einen Klaren und ein kleines Pils ein.
»Guckst du keine Nachrichten?«
»Doch, schon!«
»Na, dann weißt du doch Bescheid. Verdammtes Idiotenpack.«
»Oha, wird’s gleich politisch?«
»Es ist schon lange politisch.«
Sie nickt und serviert mir mein Gedeck. Sie räuspert sich.
»Was ist?«, frage ich. »Willst du mir was sagen?« Ich fahre mit meiner Hand durch den struppigen Vollbart.
Ihr Kopf nickt unmerklich in Richtung des Ecktisches.
Verwundert stürze ich den Klaren hinunter und nehme mein Bier. Ich verlasse meinen Stammplatz, den dritten Barhocker von rechts (oder links, egal) und geh um die Ecke. Der Ecktisch heißt ja nicht umsonst so.
»Ach du scheiße!«
Christine hustet verlegen.

Die Frau, die allein am Ecktisch sitzt, kenne ich. Und ja … ich hasse sie. Hass ist mir eigentlich fremd und extrem in irgendeine Richtung bin ich auch nicht. Außer vielleicht extrem desinteressiert, wenn mir jemand ungefragt seine Lebensgeschichte erzählt. Aber ich denke, dass das Leben viel zu kurz ist, um sich ständig mit anderen zu vergleichen oder zu glauben, dass man mehr wert ist, als irgendjemand sonst. Wir sind alle nur zufälliges Genmaterial, die zur gleichen Zeit am gleichen Ort existieren. Aber bei dieser Rinznille mach ich mal eine Ausnahme und schenke ihr meine vollste Verachtung.
Das Bier ist mit drei großen Schlucken hinuntergestürzt. »Gedeck«, rülpse ich und geh auf den Tisch zu.

»Na, sieh mal einer an!«
Die Frau, eine hagere Gestalt mit fliehendem Kinn, die einen grauen Hosenanzug und in der Kneipe eine Sonnenbrille trägt, blickt kurz auf. Ihre Haare sind streng zurückgekämmt und zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie sagt: »Es sind genügend Plätze frei, bitte suchen Sie sich einen anderen Tisch aus.«
»Nö.« Ich greife mir den Stuhl und setze mich ihr gegenüber an den Tisch. Meine Ellenbogen aufgestützt, beuge ich mich ihr entgegen.
»Na, so allein hier?«
»Bitte gehen Sie.«
»Nö. Keine Bodyguards? Ich verstehe: Ratten … sinkendes Schiff …«
»Was wollen Sie?« Sie nimmt die Brille ab und entnervt blickt sie mir in mein verwittertes Gesicht. Mich soll der Teufel holen, aber ich glaube, sie hat geflennt. Solche Emotionen hätte ich der Schrulle gar nicht zugetraut.
»Nur mal gucken, wie jemand aussieht, der den normalen Bürger mit Plattitüden und Hetzreden dazu bringt, Nazis zu wählen.«
»Ich bitte Sie ein letztes Mal zu gehen.« Ihr scharfer Ton hat schon in manchen Talkshows für hochgezogene Augenbrauen und unfreiwillige Lacher gesorgt, aber ich bin keine verkackte Talkshow. Ich bin der, der sagt, was er denkt, weil er nichts zu verlieren hat.
»Bleib ruhig, Blondie. Will doch nur mal mit der Politprominenz einen Schnack halten. Mein Oppa hat mal mit Gerhard Schröder gesoffen (was auf verdammt viele Personen zutreffen dürfte) und ich jetzt mit dir. Das kommt in meine Biographie, weißt du?«
»Was fällt Ihnen ein, mich zu duzen?«
»Ich wär an deiner Stelle froh, dass ich mit dir spreche und nicht der Mob, den du jahrelang so wunderbar verarscht hast.«
Sie schweigt.
»Genau wie dein widerlicher Kumpel, der Arschloch-Goebbels für Arme.«
»Ich verbitte mir …«
»Jaja. Lass stecken. Nun sag … wie fühlt es sich an, dass seit gestern deine Abschaumpartei in allen Landtagen sitzt und überall mitreden kann. Hmm? Toll? Nicht so toll? Oder was?«
»Ich bin nicht in der Stimmung, die herausragenden Erfolge meiner … der Partei mit Ihnen zu diskutieren.«
»Da gibt es ja auch nichts zu diskutieren. Dummen Menschen das Hirn zu ficken und sie dazu zu bringen, Scheiße zu wählen, ist kein Erfolg. Das ist armselig. Leuten, die ganz am Ende der Nahrungskette stehen und niemanden haben, auf den sie spucken können, jemanden zu präsentieren, auf den sie spucken können … Pfui, Deibel.«
»Wir sprechen die Sprache …«
»Schnaaauuuzeee. Bitte. Weißte was? Es geht uns in Deutschland gut. Es ging uns zumindest gut, weil wir wenigstens keine Angst haben mussten. Es ging uns sogar sooo gut, dass der unteren Intelligenzschicht etwas langweilig wurde und ihr habt mit irgendwelchen an den Haaren herbeigezogenen Schwachsinnsargumenten dafür gesorgt, dass sie Panik schieben und anstatt es sich einfach weiter gutgehen zu lassen, glauben sie plötzlich, dass man ihnen was wegnehmen könnte. Das glaubste doch selber nicht.«
»Was ich glaube und was nicht, ist meine Sache.«
»Ja, klaro. Soll auch so sein, Blondie. Und es tut mir fast schon leid, dass ich gerade heute auf dich treffe, wo du eh schon am Boden liegst und heulst. Aber leider warst du die Dümmste in der ganzen Brut von Wegelagerern und geistigen Brandstiftern. Was meinst du, was nun passieren wird, nachdem der große Enthüllungsbericht an die Öffentlichkeit gekommen ist? Hm?«

Oh ja, meine treuen Freunde. Die Freude über dieses Treffen läuft mir lauwarm am Bein runter. Ich weiß ja, was ihr denkt: So richtig politisch korrekt – geschweige denn mit Höflichkeit gesegnet – ist der Typ doch auch nicht! Habt ja recht. Ich benutze immer noch Worte, die man in den Achtzigern einfach so als Kind gelernt hat, ohne sie verletzend zu gebrauchen. Wer sich daran stört … lest die überarbeitete Fassung von Pipi Langstrumpf und kauft euch ’n Negerkuss, ihr Heulsusen. Hier, in meinem bunten Leben, geht’s nun mal deftig, aber herzlich zu …

»Die Lügenpresse …«
»Wooow! Ich wusste, dass dieser Begriff fällt, aber nicht so früh! Respekt! Hast du keine anderen Argumente mehr? Die Lügen also alle, diese Pressefritzen?«
Sie sagt nichts.
»Also ist es nicht richtig, dass der Boss einer Nazipartei, die für soziale Gerechtigkeit für alle strammen Deutschen einsteht, was per eurer Definition jeden ausschließt, der auch nur etwas anders aussieht, in einer Steueroase lebt und seine Bundestagskohle nicht hier versteuert, um das Geld seinen geliebten Kameraden zukommen zu lassen? Du machst so einen fetten Haufen Kohle, da bliebe ganz schön was in den arischen Steuerkassen hängen, wa? Wahrheit oder Lüge? Na … ich warte, Püppi.«
Sie kneift die Lippen zusammen und starrt auf die Tischplatte.
»Christine, bring uns mal zwei Gedecke. Ich glaube, die braune Eva hat Durst.«
Bis Christine die Gedecke bringt, schweigen wir. Irgendwie ist die eloquente, rhetorisch geschulte Dame offensichtlich nicht in Plauderlaune oder ich bin ihr, entgegen meiner sonst so schweigsam-charmanten Art, etwas zu forsch. Würde es mich interessieren, würde ich darüber nachdenken.
Die Gedecke werden serviert, ich befeuchte meine Kehle (es kommt wirklich selten vor, dass ich eine trockene Kehle vom Sabbeln hab, ehrlich!) und weiter geht’s.
»Und … was ich persönlich äußerst amüsant finde, ist die Tatsache, dass die Chefin eines Nazihaufens, der die traditionellen Werte einer deutschen Familie als erstrebenswertes erachtet …«
»Seien Sie jetzt besser ruhig!«
»Nö. Also, mit dieser Position ist euer Haufen ja nicht allein. Gibt genug Parteien und Gruppierungen, die Probleme mit Schwulen und Lesben haben. Kein Alleinstellungsmerkmal für euch. Allerdings: Wäre ich dein Berater gewesen, hätte ich dafür gesorgt, dass gerade du diese Werte nicht bei jeder Gelegenheit in die Fernsehkamera verkündest.«
»Seien Sie verdammt noch mal ruhig!«
»Nö. Versteh mich nicht falsch, Frau Reichskanzlerin! Mir ist es scheißegal, wer wen auf welche Weise bumst! Geht mich einen feuchten Furz an. Schwul, lesbisch, irgendwas mittendrin … auch ich hab so manches ausprobiert, das kann ich dir sagen! Ich habe sogar gehört, dass sich Menschen in ihre Staubsauger verlieben und sie heiraten. Super! Macht euer Ding, habt Spaß, seid glücklich und geht mir nicht mit Details auf den Sack, wenn ich nicht danach frage! Was ich garantiert niemals tun werde. Alles ist erlaubt, was Spaß macht. Außer mit Tieren und Kindern … da kommt mir die Kotze hoch und das Messer in der Tasche auf. Aber sonst … mir egal.«

Menschenskinders, ich weiß gar nicht, wann ich jemals so viel am Stück geredet habe und muss erst mal den Klaren trinken.
»Aber wenn man im Parteiprogramm definiert, wie eine gute, reine, deutsche Familie auszusehen hat und El Cheffe sich dann ’ne muslimische Inderin als Liebessklavin in das Steuerparadies einfliegen lässt und weil man vom Lesbensex nicht schwanger wird, ein kleines Negerkind adoptiert … wärst du nicht Vorsitzende einer arischen Nazipartei, würde ich dir zu deiner Weltoffenheit gratulieren. Ehrlich! Aber so …«
Ich deute auf ihr Bier. »Magst du nichts trinken?« Sie reagiert nicht. »Na, dann muss ich mich wohl opfern. Prösterchen!«
Ich trinke das Bier und muss rülpsen, was ich in Anbetracht, dass augenscheinlich keine Dame anwesend ist, ohne vorgehaltene Hand erledige.
»Mal unter uns zwei Pastorentöchtern … hast du nicht gewusst, dass das mal rauskommt? Dass du diese ganze Hetze nicht aus Überzeugung, sondern aus Geldgeilheit durchziehst? Hältst du die Leute für so dumm?«
Okay, die Frage konnte ich mir auch selbst beantworten.

»Euer Propaganga-Pimmelgesicht hat die Karre für dich immer schön aus der Scheiße gezogen, aber so wie ich gehört habe, hat der auch keinen Bock mehr darauf.«
Sie sieht mich an, greift nach den Kurzen und kippt ihn runter, ohne die Miene zu verziehen. Dann holt sie zu meiner Überraschung tief Luft.
»Wissen Sie was? Erzählen Sie mir doch mal was Neues! Können Sie sich vorstellen, wie es ist, wenn man in die Politik will, damit man nur irgendwie einige Jahre im Bundestag hinter sich bringt und sich um seine Pension keine Gedanken machen muss? Von den ganzen Posten, die einem die Wirtschaft in den Hintern schiebt, mal ganz zu schweigen. Aber weder die Ökos, und noch nicht einmal die SPD einen Platz für dich haben? Das tut weh, sage ich Ihnen. Und dann kommt diese junge Partei um die Ecke und man denkt: Naja, so krass werden die schon nicht sein? Einen Plan und eine Struktur haben die eh nicht, und ehe man es sich versieht, glauben die ganzen hirnamputierten Leute diesen Schwachsinn! Die glauben diesen Rotz! Wählen dich! Vermutlich sind sie oftmals nichts rechts, sondern wollen gegen irgendwas protestieren, aber … «
»Das Argument zählt nicht, Fräulein. Denn durch diese Menschen werden Ausländer gejagt, Auffanglager angezündet, Hass und Angst geschürt.«
»Das hab ich nie gewollt.«
»Glaub ich dir sogar fast. Aber du hast dieses Monster erschaffen. Und damit musst du leben.«
»Wer kann denn ahnen, dass in unserer Multikultizeit ein Viertel der Wähler auf hirnamputierte Scheißhauspolemik aus dem Dritten Reich reinfällt?«
»Diejenigen, die mal ein Geschichtsbuch gelesen haben.«
Sie lächelt sarkastisch. »Ja. Aber das haben wohl die wenigsten. Von unseren Wählern haben die meisten nicht mehr als ein Telefonbuch zu Hause im Regal stehen.«
»Ich sach dir eines: Steuerhinterziehung! Das kratzt keinen wirklich. Das schummelt wahrscheinlich jeder bei seiner Steuererklärung. Aber schon bei euren Vorbildern war Homosexualität nicht gern gesehen und in deinem Umkreis vermutlich auch nicht …«
»Pfff«, machte sich verächtlich. »Wenn Sie das glauben, fragen Sie mal unser, wie sagten Sie so nett, Propaganda-Pimmelgesicht. Es hat schon Gründe, warum der einen Bauernhof mit vielen Schweinen und Schafen hat, das kann ich Ihnen flüstern! Junge Frau! Zwei Gedecke!«

»Ähm … was ist denn da draußen los?« Christine unterbricht das Zapfen und klingt verwirrt. Ich folge ihrem Blick zum Fenster.
»Ich glaub, du bekommst Besuch, Blondie. Meinetwegen hat sich der grölende Mob garantiert nicht mit Mistgabeln und Fackeln vor der Tür versammelt. Tja, hat man dich wohl sogar in diesem Kaff am Arsch der Welt gefunden … Trink aus und dann mach, dass du raus kommst! Ich habe kein Lust, dass dein Pöbel mein Landhotel abfackelt. Viel Glück nächstes Mal. Und nie vergessen, Blondie: Man erntet, was man sät.«
Sie zieht die gezupften Augenbrauen hoch und fragt: »Hat das Lokal einen Hinterausgang?«
Ich atme schwer ein und aus. Auch wenn dieser Mensch einen Arschvoll mehr als verdient hätte, bin ich gegen jede Form von körperlicher Gewalt und ich denke, mit ein paar Schlägen auf den nackten Arsch werden die Typen da draußen sich nicht abgeben. Ich zucke mit den Schultern und denke: Das wird sie sicherlich gleich herausfinden.

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