{"id":1212,"date":"2020-10-26T07:15:29","date_gmt":"2020-10-26T07:15:29","guid":{"rendered":"http:\/\/iancushing.de\/?p=1212"},"modified":"2025-10-21T17:33:41","modified_gmt":"2025-10-21T15:33:41","slug":"25-10-2020-marius-tahira","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iancushing.de\/?p=1212","title":{"rendered":"25.10.2020 &#8211; Marius Tahira"},"content":{"rendered":"\n<p><a href=\"https:\/\/www.marius-tahira.de\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.marius-tahira.de\/\">Marius Tahira &#8211; Homepage<\/a><br><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/MariusTahira\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.facebook.com\/MariusTahira\">Marius Tahira &#8211; Facebook<\/a><br><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/marius_tahira\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.instagram.com\/marius_tahira\">Marius Tahira &#8211; Instagram<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Begriff \u201eAbsorption\u201c steht in der Psychologie f\u00fcr eine \u201eOffenheit gegen\u00fcber emotionalen und geistigen \u00c4nderungen\u201c erkl\u00e4rt Ian Cushing im Vorwort seines gleichnamigen Buches. Und Offenheit gegen\u00fcber verschiedenen Genres und Gattungen d\u00fcrfte auch Grundbedingung sein, damit man sich an dieser Anthologie erfreuen kann. Denn&nbsp;<em>Absorption<\/em>&nbsp;vereint Geschichten, die von unterschiedlichsten Stimmungen und Themen gepr\u00e4gt sind. Die Akzeptanz der eigenen Verg\u00e4nglichkeit, die Wertsch\u00e4tzung der einfachen Dinge, Verst\u00e4ndnis f\u00fcr das Andersartige, die Bewertung tradierter \u00dcberzeugungen aus der Perspektive gesellschaftlicher Au\u00dfenseiter \u2013 all diese Themenkomplexe spielen in&nbsp;<em>Absorption<\/em>&nbsp;eine Rolle und wurden von Ian Cushing in unterschiedlichste literarische Gattungen gegossen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Diese Sammlung von dreizehn kurzen Geschichten absorbiert, was das Leben uns schenkt: Liebe, Schmerz, Gl\u00fcck und Tod<\/em>\u201c, fasst der Klappentext die Themenvielfalt dieser Anthologie treffend zusammen. Was dabei zun\u00e4chst kaum auff\u00e4llt: Es ist von \u201ekurzen Geschichten\u201c die Rede und nicht etwa von \u201eKurzgeschichten\u201c. Und das hat bei&nbsp;<em>Absorption<\/em>&nbsp;seine Richtigkeit, denn die Anthologie umfasst keineswegs nur klassische Kurzgeschichten aus Sicht der handelnden Figuren oder eines distanzierten Erz\u00e4hlers. Nein, absolut nicht, denn&nbsp;<strong>in einigen der enthaltenen Texte verh\u00e4lt sich der Erz\u00e4hler alles andere als distanziert und hat durchaus eine klare Meinung zu dem Geschehen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Ein Potpourri an Gattungen:&nbsp;Kurzgeschichten, Essays, Fabeln und ein Gedicht<\/h1>\n\n\n\n<p><em>Absorption<\/em>&nbsp;kommt also als Anthologie daher, ist aber keinesfalls nur eine Sammlung von Kurzgeschichten. Zwar gibt es durchaus traditionelle Kurzgeschichten, aber die Sammlung enth\u00e4lt ebenso Fabeln sowie Texte, die eher Essays als Kurzgeschichte sind. Das ist grunds\u00e4tzlich weder gut noch schlecht, aber sei vorangestellt, damit jeder wei\u00df, worauf er sich bei der Lekt\u00fcre einl\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben handlungsgetriebenen Thrillern und augenzwinkernden Horrorgeschichten enth\u00e4lt Absorption mit \u201e<em>Das K\u00f6nigreich<\/em>\u201d tats\u00e4chlich auch eine waschechte Fabel, in der die Figuren Personifikationen bestimmter Charaktermerkmale sind. Das verdeutlichen bereits ihre Namen, die von lateinischen Bezeichnungen bestimmter Emotionen abgeleitet sind: So erhofft sich in der Geschichte ein zweifelnder Herrscher Hilfe von seinen Beratern Timoria (Ableitung des Lateinischen \u201e<em>timor<\/em>\u201d = Furcht), Furoria (von \u201e<em>furor<\/em>\u201d = Zorn), Taedius (\u201e<em>taedium<\/em>\u201d = Abscheu) , Fides (Vertrauen) und Melancholia (Schwermut). Mich pers\u00f6nlich hat diese Geschichte an die&nbsp;<strong><a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Fantastische-Fabeln-Ambrose-Bierce\/dp\/3442722527\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Fabeln von Ambrose Bierce<\/a><\/strong>&nbsp;erinnert, in denen beispielsweise&nbsp;<strong>Das Moralprinzip<\/strong>&nbsp;mit dem&nbsp;<strong>Materiellen Vorteil<\/strong>&nbsp;diskutiert, wer dem anderen Platz machen m\u00fcsse. Ein wesentlicher Unterschied ist aber, dass die Geschichten Cushings deutlich positiver sind als die desillusionierend-zynischen Fabeln eines Bierces.<\/p>\n\n\n\n<p>Storys wie \u201e<em>Kein Traum<\/em>\u201c, \u201e<em>Eine Laune der Natur<\/em>\u201d und \u201e<em>Der Spuk<\/em>\u201d folgen dem etablierten Aufbau von Kurzgeschichten. \u201e<em>Gesichter in der Menge<\/em>\u201d hingegen ist eine interessante philosophische Betrachtung aus der Ich-Perspektive, die man auch als Essay bezeichnen k\u00f6nnte. Und dann gibt es einige \u201eHybriden\u201d, in denen zwar eine grobe Rahmenhandlung existiert, die aber in erster Linie in gedanklichen Monologen und Dialogen philosophische oder gesellschaftlich relevante Themen aufgreifen.&nbsp;<strong>Sozusagen Essays, denen man eine Rahmenhandlung als Feigenblatt mitgegeben hat<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich pers\u00f6nlich bin da eher ein Freund der reinen Lehre: \u00dcber Kurzgeschichten kann man die Leser meist emotional st\u00e4rker packen, in Essays komplexe Themen ausf\u00fchrlicher beleuchten. Die Verkn\u00fcpfung von beidem bremst meiner Meinung nach die St\u00e4rken der jeweils anderen Gattung aus.&nbsp;<strong>Das ist allerdings Meckern auf hohem Niveau, denn handwerklich sind die meisten Texte absolut \u00fcberzeugend und haben mich gut unterhalten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Melancholie und Hoffnung: Die Grundstimmung in&nbsp;<em>Absorption<\/em><\/h1>\n\n\n\n<p>Ian Cushings&nbsp;<em>Absorption<\/em>&nbsp;ist nicht nur eine Sammlung unterschiedlicher Gattungen, das Buch vereint auch Geschichten zahlreicher Genres und Stimmungen. Die meisten behandeln Themen, die wir eher mit Negativem verbinden:&nbsp;<strong>Tod, Ausgrenzung, Verfall von Beziehungen oder Erinnerungsverlust<\/strong>. Aber dennoch sind fast alle Geschichten von einem positiven Grundtenor gepr\u00e4gt. Viele der Texte haben zudem klare moralische Botschaften, die auf eine bewusste Wertsch\u00e4tzung jener sch\u00f6nen Dinge abzielen, die oft als selbstverst\u00e4ndlich hingenommen werden: Musik, der Genuss eines guten Drinks, die Beziehung zu den eigenen Mitmenschen. Die Textbotschaften zielen ab auf ein Innehalten und sich Besinnen auf das Wesentliche im Leben.&nbsp;<strong>Trotz der vorherrschenden Melancholie und D\u00fcsternis zeichnen sich die Geschichten somit immer auch durch eine gewisse W\u00e4rme aus.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Insofern w\u00e4re es falsch,&nbsp;<em>Absorption<\/em>&nbsp;als durchg\u00e4ngig ernstes, schwerm\u00fctiges Werk zu bezeichnen. Insbesondere, da viele Geschichten von einer bewussten \u00dcberzeichnung von Stereotypen und einem oft heiteren Humor leben.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr einige Leser vielleicht wichtig:&nbsp;<strong>Die Botschaften in&nbsp;<em>Absorption&nbsp;<\/em>sind klar und ziemlich direkt formuliert.<\/strong>&nbsp;Das ist eine erfrischende Abwechslung von der Gewohnheit vieler Autoren, nur Fragen aufzuwerfen und nicht selbst Stellung zu beziehen. Aber es f\u00fchrt auf der anderen Seite dazu, dass die Bewertung der Geschichten stark davon abh\u00e4ngt, ob man der Haltung des Erz\u00e4hlers zustimmt oder nicht.<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\"><em>Absorption<\/em>: Auch stilistisch ein bunter Strau\u00df an Geschichten<\/h1>\n\n\n\n<p>Obwohl ich Ian Cushings Anthologie auf meinem Blog zu den Themen<strong>&nbsp;Horror und Thriller<\/strong>&nbsp;rezensiere, bedeutet das keineswegs, dass sich alle Kurzgeschichten diesen Genres zuordnen lassen. Auf einige Storys mag das zutreffen, aber&nbsp;<em>Absorption<\/em>&nbsp;enth\u00e4lt ebenso Alltagsbetrachtungen und phantastische Erz\u00e4hlungen im m\u00e4rchenhaften Ton. Am einfachsten l\u00e4sst sich meiner Meinung nach die unterschiedliche Tonalit\u00e4t der Geschichten an direkten Zitaten darstellen. So wird die Fabel \u201e<em>Ein K\u00f6nigreich<\/em>\u201d beispielsweise folgenderma\u00dfen eingeleitet:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><em><strong>Es war einmal ein Knabe, der herrschte gemeinsam mit seinen Eltern \u00fcber ein eigenes K\u00f6nigreich; dieses K\u00f6nigreich war ein ein ruhiger und sch\u00f6ner Ort, an dem er sich wohlf\u00fchlte und nichts missen musste. Sein Vater und seine Mutter erzogen ihn streng und liebevoll und lie\u00dfen ihn fr\u00fch eigene Entschl\u00fcsse fassen, mahnten ihn dennoch unabl\u00e4ssig, stets mit Bedacht vorzugehen. Seine Entscheidungen waren anfangs kindlicher Natur, aber nichtsdestotrotz von einer altklugen Vernunft gepr\u00e4gt&nbsp;<\/strong><\/em><strong>[\u2026]<\/strong><em><strong>.<\/strong><\/em><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Diesem eher m\u00e4rchenhaften Sprachduktus stehen dann Geschichten wie \u201e<em>Beste Zeit<\/em>\u201d gegen\u00fcber, die sich am rauen Stil der&nbsp;<strong><a href=\"https:\/\/www.krimi-couch.de\/magazin\/hintergruende-essays\/aufgeklaert-krimi-genre\/hard-boiled\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Hardboiled-Krimis<\/a><\/strong>&nbsp;orientieren:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><em><strong>Johns rechter Arm und mindestens eine Rippe waren gebrochen und er wurde mit Blut vollgekotzt; aber den gr\u00f6\u00dften \u00c4rger hatte er eindeutig von seiner Vorgesetzten zu erwarten, die nicht erfreut sein w\u00fcrde, dass er dem Zielobjekt die Kehle aufgeschlitzt hatte.&nbsp;<\/strong><\/em><em><strong>That\u2019s life. Ein B\u00f6sewicht weniger, ein Held mehr auf der Welt.<\/strong><\/em><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Viele Geschichten wirken vordergr\u00fcndig so, als w\u00fcrden sie alte Klischees und Schablonen nutzen. Doch h\u00e4ufig werden genau diese Klischees im Verlaufe der Geschichte gebrochen und die Storys bekommen eine interessante Wendung. Das Aufgreifen bestimmter Stilelemente ist bei Ian Cushing dabei eher Verneigung vor alten Film-noir- oder Horrorfilm-Klassikern als echtes Abkupfern.&nbsp;<strong>\u00dcberhaupt sp\u00fcrt man dem gesamten Buch die Liebe zu unterschiedlichen Musik, Film- und Literaturgenres an und so steckt Absorption voller Reminiszenzen<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Lediglich bei einer der letzten Kurzgeschichten des Bandes fehlt mir dieser Bruch mit den Stereotypen. Sie ist auch die konventionellste Erz\u00e4hlung in&nbsp;<em>Absorption&nbsp;<\/em>und \u00fcbernimmt ironiefrei eine typische Schw\u00e4che vieler Horror- und Thriller-Geschichten:&nbsp;<strong>Einen B\u00f6sewicht, der am Ende in einem langen Monolog dem Opfer seine Backstory erkl\u00e4rt<\/strong>. Das ist insofern schade, dass Ian Cushing es in den vorangegangen Geschichten geschafft hat, zun\u00e4chst als Klischee erscheinende Inhalte durch interessante Twists eine neue Bedeutung zu verleihen.<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Schlaglichter auf einzelne Kurzgeschichten aus&nbsp;<em>Absorption<\/em><\/h1>\n\n\n\n<p>Im Folgenden werde ich einige Geschichten aus&nbsp;<em>Absorption&nbsp;<\/em>vorstellen, um die Bandbreite dieser Anthologie zu verdeutlichen. Wer eine Rezension sucht, die ausf\u00fchrlicher auf&nbsp;<strong>s\u00e4mtliche der 13 Texte eingeht<\/strong>, der sollte einen Seitenblick auf&nbsp;<strong><a href=\"https:\/\/phantastische-fluchten.blogspot.com\/2020\/08\/absorption-13-kurzgeschichten-von-ian.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Phantastische Fluchten<\/a><\/strong>&nbsp;riskieren. (A<em>ber nat\u00fcrlich erst, nachdem ihr meine Rezension zu Ende gelesen habt! Ich will ja nicht meine eigenen Leser wegtreiben. ^^<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><strong>Kein Traum:&nbsp;<\/strong>Ein Mann begegnet dem leibhaftigen Tod. Weil die beiden sich aber recht sympathisch sind, gew\u00e4hrt der Tod der Hauptfigur noch einen Aufschub. Anders als beispielsweise in \u201e<em>Das siebente Siegel<\/em>\u201d versucht der Held dieser Geschichte aber nicht, das Unausweichliche um jeden Preis aufzuhalten. Er m\u00f6chte lediglich einen bescheidenen Wunsch erf\u00fcllt bekommen. Eine intelligente Mahnung, das Sch\u00f6ne im Leben nicht erst zu zu genie\u00dfen, wenn selbiges sich dem Ende zuneigt. Und ein starker Auftakt dieses Buches.<br><\/li><li><strong>Jenseits der Purpurnacht:<\/strong>&nbsp;Eine m\u00e4rchenhaft-fantastische Geschichte um ein ungl\u00fcckliches Liebespaar, dem der Vater den Segen verweigert. Die Hochzeit erscheint dadurch unerreichbar und der verliebte J\u00fcngling entscheidet sich f\u00fcr einen drastischen Ausweg. Eine Geschichte \u00fcber zwischenmenschliches Miteinander, Verfehlungen und Verzeihen. Dies ist aber auch eine Geschichte, bei der das eigene Urteil stark davon abh\u00e4ngt, ob man die Bewertung des Erz\u00e4hlers bzw. das Fazit der handelnden Hauptperson nachvollziehen kann oder nicht. Und so sehr ich Ian Cushing und seine Geschichten auch mag, bin ich selbst etwas unnachgiebiger in meiner Haltung und halte es eher mit&nbsp;<strong><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/gedankenwelt.de\/10-unvergessliche-zitate-von-milan-kundera\/\" target=\"_blank\">Milan Kundera<\/a><\/strong>:&nbsp;<em>Wenn alles verziehen wird, dann ist letztlich auch alles auf eine zynische Weise erlaubt!<\/em>&nbsp;Ich selbst h\u00e4tte ich den weinerlich, selbstmitleidigen Arschloch-Protagonisten wahrscheinlich in Beton gegossen, um endlich meine Ruhe zu haben. Vielleicht sagt das aber mehr \u00fcber mich selbst aus als \u00fcber die Geschichte. Falls ihr sie auch gelesen habt, erz\u00e4hlt mir doch bitte in einem Kommentar, was eure Gef\u00fchle beim Lesen waren.<br><\/li><li><strong>Eine Laune der Natur:<\/strong>&nbsp;Wer die Klassiker der gotischen Horrorliteratur gelesen hat und die alten Universal-Monster-Filme sch\u00e4tzt, der d\u00fcrfte diese Geschichte lieben. Eine humorvolle Erz\u00e4hlung, die zeigt, dass richtiges Marketing auch f\u00fcr Ungeheuer wichtig sein kann.<br><\/li><li><strong>Beste Zeit:&nbsp;<\/strong>Eine meiner Lieblingsgeschichten aus&nbsp;<em>Absorption<\/em>. Sie spielt gekonnt mit Perspektivwechseln und ihrem actiongeladenen Einstieg folgt eine Story, die mich emotional st\u00e4rker gepackt hat, als es jeder hardboiled Krimi geschafft hat.<br><\/li><li><strong>Versteckspiel:<\/strong>&nbsp;Diese Kurzgeschichte ist in gewisser Hinsicht das Kondensat der Themen in&nbsp;<em>Absorption<\/em>: Liebe, Tod, Verg\u00e4nglichkeit menschliches Miteinander. Eine Huldigung all jener Beziehungen, in denen sich zwei Menschen seelisch miteinander verbunden f\u00fchlen. Was ich sehr sch\u00e4tze: Ian Cushing verengt diese Art von Seelenverwandtschaft nicht nur auf romantische Paarbeziehungen, sondern verdeutlicht, dass sich seelische Verbundenheit in verschiedensten Konstellationen zeigen kann.<br><\/li><li><strong>Man erntet, was man s\u00e4t:&nbsp;<\/strong>Die St\u00e4rke dieser Geschichte ist definitiv die Figur Hank, der versoffene, aber scharfsinnige Kneipenphilosoph und Mann f\u00fcr direkt vorgetragene Wahrheiten. Diese Kurzgeschichte ist eine satirische Abrechnung mit rassistischen Str\u00f6mungen in der aktuellen Politik. Aber so sehr ich Hank auch mag, ist mir die Geschichte in der Gestaltung zu plakativ. Hank hat die guten Argumente und seiner Gespr\u00e4chspartnerin (die deutlich erkennbar ein reales Vorbild hat) werden im Sinne der geplanten Botschaft eben die schlechteren Antworten in den Mund gelegt. Dabei halte ich Pl\u00e4doyers gegen Rassismus durchaus f\u00fcr sinnvoll. Aber wenn es um eine rein argumentative Entlarvung der Doppelmoral rechter Politiker geht, w\u00e4hrend kaum \u00e4u\u00dfere Handlung stattfindet, dann ist das meiner Meinung eher der Stoff f\u00fcr ein scharfz\u00fcngiges Essay statt f\u00fcr eine Kurzgeschichte.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Meine pers\u00f6nlichen Lieblingsgeschichten aus&nbsp;<em>Absorption<\/em>&nbsp;sind \u201e<em>Kein Traum<\/em>\u201c, \u201e<em>Beste Zeit<\/em>\u201d und \u201e<em>Versteckspiel<\/em>\u201c. Bei \u201e<em>Man erntet, was man s\u00e4t<\/em>\u201d ist es letztlich Geschmackssache, ob man politische Botschaften eher subtil mag oder sie lieber so direkt eingeschenkt bekommen m\u00f6chte wie Hank sein Bier. Lediglich die Abschlussgeschichte \u201e<em>Der Spuk<\/em>\u201d schw\u00e4chelt meiner Meinung nach ein bisschen bei der Darstellung des stereotypen Antagonisten. Sie passt hinsichtlich des Endes auch nicht so gut zu den anderen Geschichten der Anthologie. Davon abgesehen k\u00f6nnen jedoch fast alle Texte handwerklich \u00fcberzeugen. Und jeder einzelne bietet Anregungen f\u00fcr etliche Stunden philosophischen Gr\u00fcbelns.<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Fazit: Ein einzigartiges Sammelsurium, mit schwer einzugrenzender Zielgruppe<\/h1>\n\n\n\n<p><strong>Ich sag es geradeheraus: Ich mag&nbsp;<em>Absorption<\/em>. Ich mag nicht jede der enthaltenen Geschichten, aber in ihrer Gesamtheit behandelt diese Anthologie auf interessante Weise zahlreiche Themen, die jeden Menschen fr\u00fcher oder sp\u00e4ter betreffen: Alter, Tod, Verg\u00e4nglichkeit, Beziehungen, Verlust, Schuld und Hoffnung. Und was ich besonders an&nbsp;<em>Absorption<\/em>&nbsp;mag, ist, dass Ian Cushing trotz seiner bedr\u00fcckenden Themen nie ins Horn der fatalistisch jammernden Schwarzmaler bl\u00e4st, in deren Geschichten die Menschheit per se immer schlecht, verdorben und bar jeder Hoffnung ist. Vielmehr erinnern die meisten seiner Geschichten an das Positive im Leben, das man angesichts unserer Verg\u00e4nglichkeit umso bewusster genie\u00dfen sollte.&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Doch kann ich\u00a0<em>Absorption<\/em>\u00a0nun r\u00fcckhaltlos jedem empfehlen? Die Antwortet lautet: Nein. Denn\u00a0<em>Absorption<\/em>\u00a0ist in h\u00f6chstem Ma\u00dfe heterogen, sowohl was die Themen, die Tonalit\u00e4t und die Gattungen der Geschichten betrifft: Fabel steht neben Gedicht und neben Horrorthriller. Manch einer findet solche Mischung interessant, aber jene, die sehr enge und klar abgesteckte Literaturvorlieben haben, d\u00fcrften Schwierigkeiten mit\u00a0<em>Absorption<\/em>\u00a0haben. Auch die sehr direkten moralischen Botschaften sind sicher nicht jedermanns Sache. Wer aber offen f\u00fcr unterschiedliche Genres ist und Storys erleben m\u00f6chte, die ernste Themen mal auf augenzwinkernd unterhaltsame, mal auf spannende Weise anpacken, der sollte Absorption unbedingt eine Chance geben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/iancushing.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/13-Marius-Tahira-1024x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1215\" srcset=\"https:\/\/iancushing.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/13-Marius-Tahira-1024x1024.png 1024w, https:\/\/iancushing.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/13-Marius-Tahira-300x300.png 300w, https:\/\/iancushing.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/13-Marius-Tahira-150x150.png 150w, https:\/\/iancushing.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/13-Marius-Tahira-768x768.png 768w, https:\/\/iancushing.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/13-Marius-Tahira-210x210.png 210w, https:\/\/iancushing.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/13-Marius-Tahira.png 1080w\" sizes=\"auto, (max-width: 980px) 100vw, 980px\" \/><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marius Tahira &#8211; HomepageMarius Tahira &#8211; FacebookMarius Tahira &#8211; Instagram Der Begriff \u201eAbsorption\u201c steht in der Psychologie f\u00fcr eine \u201eOffenheit gegen\u00fcber emotionalen und geistigen \u00c4nderungen\u201c erkl\u00e4rt Ian Cushing im Vorwort seines gleichnamigen Buches. Und Offenheit gegen\u00fcber verschiedenen Genres und Gattungen d\u00fcrfte auch Grundbedingung sein, damit man sich an dieser Anthologie erfreuen kann. Denn&nbsp;Absorption&nbsp;vereint Geschichten, die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19],"tags":[],"class_list":["post-1212","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezension-absorption"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/iancushing.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1212","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/iancushing.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/iancushing.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iancushing.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iancushing.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1212"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/iancushing.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1212\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1216,"href":"https:\/\/iancushing.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1212\/revisions\/1216"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/iancushing.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1212"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/iancushing.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1212"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/iancushing.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1212"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}