{"id":4254,"date":"2022-09-14T15:44:38","date_gmt":"2022-09-14T13:44:38","guid":{"rendered":"https:\/\/iancushing.de\/?p=4254"},"modified":"2025-10-21T17:32:45","modified_gmt":"2025-10-21T15:32:45","slug":"mission-lichtbringer-leseprobe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iancushing.de\/?p=4254","title":{"rendered":"Mission: Lichtbringer &#8211; Leseprobe"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kapitel II<\/h2>\n\n\n\n<p>\u00bbKommst du, mein Sohn?<br>Das Meeting beginnt in f\u00fcnf Minuten!\u00ab Ein wohlt\u00f6nender Bariton hallte durch den Flur.<br>Der Sohn, dem dieser Aufruf galt, verdrehte die Augen. Er steckte mitten in einer wichtigen Mission, die darin bestand, eine Welt vor dem unausweichlichen Untergang zu retten. Nur er allein war in der Lage, diese Heldentat zu vollbringen. Daran bestand f\u00fcr ihn kein Zweifel \u2013 nicht nur, weil er bei jeder sich bietenden Gelegenheit darauf hingewiesen wurde.<br>\u00bbF\u00fcnf Minuten!\u00ab, ert\u00f6nte es erneut.<br>Seufzend dr\u00fcckte er einen Knopf, um den Pausenmodus zu aktivieren, und legte den Controller, mit dem er die ganze Nacht hindurch in fremden Welten f\u00fcr Gerechtigkeit gek\u00e4mpft hatte, zur Seite. M\u00fchsam und umst\u00e4ndlich erhob er sich aus dem Sitzsack; seine Glieder waren steif und die Gelenke knackten laut, als er sich ausgiebig reckte.<br>G\u00e4hnend stopfte er sein wei\u00dfes Hemd in die graue Anzughose, richtete den schwarzen Schlips und nahm das ebenfalls graue Jackett vom Garderobenhaken. Beim Hinausgehen stoppte er, wie gew\u00f6hnlich, vor dem hohen Spiegel neben der T\u00fcr des Aufenthaltsraumes.<br>\u00bbSiehst gut aus, Jay!\u00ab, sagte er grinsend und feuerte eine Fingerpistole auf sein Spiegelbild ab, wobei er schnalzende Laute von sich gab.<br>Das Erscheinungsbild des ewig dreiunddrei\u00dfigj\u00e4hrigen Mannes war durchaus als angenehm, wenn auch unspektakul\u00e4r zu bezeichnen. Das mittellange Haar war mit sanften Naturwellen gesegnet und das schmale Gesicht besa\u00df feine, weiche Z\u00fcge. Die blauen Augen erweckten einen warmherzigen und melancholischen Eindruck und sein Mund l\u00e4chelte meist freundlich. Er war dar\u00fcber hinaus weder zu gro\u00df noch zu klein und von normaler Statur.<br>Seine St\u00e4rke war allerdings nicht sein Aussehen, auch wenn die angenehme Durchschnittlichkeit seine Vorteile hatte, sondern seine Menschenkenntnis. Er verf\u00fcgte \u00fcber die Gabe, das Wesen seines Gegen\u00fcbers durch einen Blick in dessen Augen zu erkennen und sich dadurch auf seinen Gespr\u00e4chspartner einzustellen, bevor dieser auch nur \u00bbGuten Tag\u00ab gesagt hatte.<br>Jay trat in einen weitl\u00e4ufigen Flur, der von nat\u00fcrlichem Licht erhellt wurde, obwohl nirgends Fenster oder andere Lichteinl\u00e4sse zu entdecken waren. Das Geb\u00e4ude barg viele Geheimnisse, die es allerdings nur offenbarte, wenn es notwendig war. Er wusste, dass er \u2013 trotz der ungeheuer langen Zeit, die er bereits hier angestellt war \u2013 noch nicht jedes Stockwerk, geschweige denn jedes B\u00fcro, gesehen oder mit jedem Kollegen gesprochen hatte, und vermutlich auch niemals w\u00fcrde. Fr\u00fcher hatte ihn dieser seltsame Umstand sehr besch\u00e4ftigt, aber letztendlich musste er erkennen, dass es sinnlos war, einem Geheimnis auf die Spur kommen zu wollen, welches nicht daran dachte, sich entdecken zu lassen.<br>Der Flur erstreckte sich schier endlos vor ihm und die wei\u00dfen W\u00e4nde waren mit zahlreichen Gem\u00e4lden behangen. Alte Meister, moderne Kunst, Expressionismus, Surrealismus, Barock, Romantik; es gab f\u00fcr jeden Geschmack etwas zu bestaunen. Jay, der kein Kunstexperte war, konnte sich an den wundersch\u00f6nen Werken nicht sattsehen, zumal die herrlich gerahmten Malereien regelm\u00e4\u00dfig ausgetauscht wurden. Er hatte niemals jemanden dabei beobachtet, also schrieb er diesen Umstand dem mysteri\u00f6sen Verhalten des Geb\u00e4udes zu und akzeptierte es.<br>Die Firma bot einem alles, was man brauchte, aber eine Sache vermisste Jay dennoch: die Natur. Er tr\u00e4umte davon, in einem echten Wald zu spazieren, seitdem er Dokumentationen dar\u00fcber gesehen hatte. Die Faszination, welche die Worte und Bilder in ihm ausgel\u00f6st hatten, war auch nach langer Zeit ungebrochen. Es musste nicht so spektakul\u00e4r wie der Regenwald sein; ein Spaziergang in einem herbstlichen mitteleurop\u00e4ischen Mischwald w\u00fcrde ihm vollends gen\u00fcgen. Vor dem Einschlafen stellte er sich oft vor, in der Ruhe und Geborgenheit eines Waldes zu baden. Doch wusste er, dass sogar das wundersame Geb\u00e4ude ihm diesen Wunsch nicht erf\u00fcllen w\u00fcrde; zumindest hatte er bisher keinen Weg gefunden, es davon zu \u00fcberzeugen, ihn in einen Wald zu f\u00fchren.<br>Jay schlenderte entspannt mit den H\u00e4nden in den Hosentaschen durch den Flur. Pflanzen unterschiedlicher Art und bequeme Sitzgelegenheiten wechselten sich mit den Kunstwerken ab und sorgten f\u00fcr eine behagliche Atmosph\u00e4re. Er erfreute sich an den Reflexionen der Blumen, Gr\u00fcnpflanzen, Gem\u00e4lde und des Lichts auf dem gl\u00e4nzenden Marmorboden.<br>H\u00e4tte der Vorsitzende der Firma, den alle nur Chef nannten, vor langer Zeit nicht eine \u00e4u\u00dferst gewagte Rettungsaktion genehmigt, und ihn somit aus einer prek\u00e4ren Situation gerettet, w\u00e4re er mit Sicherheit niemals hierher zur\u00fcckgekehrt. Ebendiese vollkommen verr\u00fcckte Aktion der Firma, die durch Jays verantwortungsloses Handeln unausweichlich geworden war, hatte ihr enormen Einfluss verliehen.<br>Daher sah die Firma gro\u00dfm\u00fctig dar\u00fcber hinweg (meistens jedenfalls), dass er sie in diese Situation gebracht hatte. Und Jay sah seinerseits gro\u00dfm\u00fctig dar\u00fcber hinweg (meistens jedenfalls), dass ein Verrat aus den eigenen Reihen ihn \u00fcberhaupt in diese Situation gebracht hatte.<br>Diese spezielle Mission war nun schon viele Jahre her und der Vorstandsvorsitzende der Firma und die zw\u00f6lf Mitglieder des Aufsichtsrates hielten ihn seitdem an der kurzen Leine. Die Aufgaben, die sie ihm von da an anvertrauten, forderten ihn nicht heraus; auch wenn Jay \u00fcberzeugt war, zu H\u00f6herem berufen zu sein, verzog er bei dem Gedanken seinen Mund zu einem schiefen L\u00e4cheln. Immerhin stand ihm durch seine wenig anspruchsvolle T\u00e4tigkeit in der Personalabteilung mehr Zeit f\u00fcr seine Hobbys zur Verf\u00fcgung, und warum sollte er sich dar\u00fcber beklagen?<br>Die meisten Kollegen begegneten ihm mit H\u00f6flichkeit und Respekt und er erfreute sich an einigen guten Freunden. Es blieb selbstverst\u00e4ndlich nicht aus, dass es in einem gro\u00dfen Unternehmen Kollegen gab, die einem nicht wohlgesonnen waren, und ein ganz bestimmter Kollege brachte Jays Blutdruck regelm\u00e4\u00dfig in Wallung. Diesem Mistkerl w\u00fcrde er seinen Verrat weder verzeihen k\u00f6nnen noch wollen.<br>Jay war an seinem Ziel angelangt und betrat das Konferenzzimmer, in dessen Mitte ein ovaler Tisch stand, an dem bereits der vollst\u00e4ndig versammelte Aufsichtsrat wartete. Der Platz zur Rechten des Chefs war frei und nachdem Jay salopp in die Runde gegr\u00fc\u00dft hatte, lie\u00df er sich auf den bequemen B\u00fcrostuhl fallen.<br>Da sie nun vollz\u00e4hlig waren, richteten sich alle Augen erwartungsvoll auf Chef. Er war einen Meter f\u00fcnfundachtzig gro\u00df und schlank. Sein Alter war schwer einzusch\u00e4tzen, aber wenn man seine zur\u00fcckgek\u00e4mmten grauen Haare \u2013 durch die noch die eine oder andere schwarze Str\u00e4hne schimmerte \u2013, seinen gepflegten grauen Vollbart, und die feinen Falten um die Augen betrachtete, war es durchaus denkbar, dass er seinen f\u00fcnfzigsten Geburtstag bereits gefeiert hatte.<br>Gekleidet war er, wie alle m\u00e4nnlichen Kollegen in der Firma, mit einem hellgrauen Anzug, wei\u00dfem Hemd, einer passenden Weste und schwarzen Halbschuhen. Lediglich die Krawatten der Mitarbeiter unterschieden sich und Chef trug stets einen schlichten anthrazitfarbenen Schlips.<br>Jeder in der Firma sch\u00e4tzte ihn und betrachtete ihn als eine Art Vaterfigur, denn er war jederzeit hilfsbereit und freundlich, und niemand erinnerte sich, ihn jemals aufgeregt oder aufgebracht erlebt zu haben.<br>Chef bl\u00e4tterte in seinen Notizen, brummte und nickte, w\u00e4hrend er sie ordnete. Er trank einen Schluck Wasser, r\u00e4usperte sich, tippte auf die Tastatur seines Laptops und ergriff, ohne aufzublicken, das Wort. \u00bbGuten Morgen und vielen Dank, dass ihr erschienen seid!\u00ab<br>Als ob wir eine Wahl gehabt h\u00e4tten, dachte Jay gelangweilt und g\u00e4hnte ungeniert.<br>\u00bbIch habe die Versammlung kurzfristig anberaumt, um euch \u00fcber Entwicklungen von h\u00f6chster Wichtigkeit zu informieren. Vielleicht handelt es sich sogar um die wichtigste Entscheidung seit mehr als zweitausend Jahren!\u00ab<br>Ein erstauntes Raunen erf\u00fcllte den Raum.<br>\u00bbEs gibt keinen Grund zur Besorgnis, meine Lieben. Lasst uns beginnen!\u00ab Das war der Auftakt zu einem wortreichen, f\u00fcnfundvierzigmin\u00fctigen Bombardement mit Statistiken, Zahlenkolonnen und Grafiken, die er mittels Laptop und Beamer an die Wand projizierte.<br>Jay verschr\u00e4nkte die H\u00e4nde vor seinem Bauch und schloss die Augen. Er war m\u00fcde und w\u00e4hrend die warme Stimme des Chefs ihn einlullte, wanderten seine Gedanken zu Danny. Wenn es darum ging, komplexe Sachverhalte zusammenzufassen, schl\u00fcssige Konzepte zu schreiben und packende Pr\u00e4sentationen anzufertigen, konnte ihm niemand das Wasser reichen. Allerdings war Danny unf\u00e4hig, vor Menschen zu sprechen und seine brillanten Ausarbeitungen ohne Stammeln und Stottern vorzutragen. Dieser Umstand hatte vor einiger Zeit Jays Aufmerksamkeit geweckt, denn Planen und Strukturieren z\u00e4hlten nicht zu seinen St\u00e4rken.<br>Seitdem arbeiteten sie zusammen und er konnte gut damit leben, dass Danny der Verstand, und er selbst das Sprachrohr war. Mittlerweile waren sie so gut eingespielt, dass Jay nur einen kurzen Blick auf Dannys Pr\u00e4sentation zu werfen brauchte, um den Kern der Aussage sofort zu erfassen. F\u00fcr ihn war es ein vergn\u00fcgliches Spiel, die Fakten aus dem Stegreif in Worte zu kleiden und die Anwesenden damit nicht nur zu informieren, sondern bestens zu unterhalten.<br>Ohne hinzusehen wusste Jay, dass Danny diese Pr\u00e4sentation nicht vorbereitet hatte, denn sie war zwar informativ, doch fehlte ihr das gewisse Etwas. Warum hat Chef uns nicht damit beauftragt? Seltsam! Aber wenn er das Dreamteam nicht gebeten hat zu helfen, kann die wichtigste Entscheidung seit zweitausend Jahren nicht so wichtig sein.<br>Er zuckte im Halbschlaf gleichg\u00fcltig mit den Schultern, g\u00e4hnte ausgiebig und hoffte auf einen fr\u00fchen Feierabend, um sich wieder der Rettung fremder Welten widmen zu k\u00f6nnen.<br>\u00bbVielen Dank f\u00fcr eure Aufmerksamkeit\u00ab, sagte Chef am Ende seines Vortrages.<br>Die zw\u00f6lf Anwesenden bekundeten ihren Beifall, indem sie leise mit den Fingerkn\u00f6cheln auf den Tisch klopften.<br>\u00bbEs ist uns nicht leichtgefallen, diese Entscheidung zu treffen, aber die Entwicklungen lassen sich nicht mehr ignorieren.\u00ab Chef griff zu seinem Glas und trank, bevor er fortfuhr. \u00bbEs ist unumg\u00e4nglich, dass ihr informiert seid, denn ihr werdet w\u00e4hrend der Mission Anomalien in den Daten feststellen. Unruhe ist unter allen Umst\u00e4nden zu vermeiden! Diskretion ist das oberste Gebot!\u00ab Er r\u00e4usperte sich und betrachtete ein Gem\u00e4lde an der Wand, welches er noch nie zuvor gesehen hatte. Es zeigte einen dramatischen Sonnenuntergang in kr\u00e4ftigen Farben. \u00bbIch kann nicht oft genug betonen: Diese Mission ist von gr\u00f6\u00dfter Wichtigkeit! Sind wir nicht erfolgreich, werden wir aufh\u00f6ren zu existieren.\u00ab<br>Die Stimme des Chefs verfehlte ihre Wirkung nicht. Selbst beunruhigende Nachrichten wie diese klangen vergleichsweise harmlos, wenn er sie mit seinem wohlig-warmen Bariton vortrug und die Unruhe der Anwesenden hielt sich in Grenzen.<br>Jemand am Tisch meldete sich.<br>\u00bbJa, Judd?\u00ab Mit einem Nicken forderte Chef den Mann mit dem fliederfarbenen Schlips auf, seine Frage zu stellen.<br>\u00bbImplizierst du mit uns, dich und ihn?\u00ab, fragte er mit dem nasalen und snobistischen Tonfall eines britischen Aristokraten und strich den hauchd\u00fcnnen Clark-Gable-Schnauzer mit Daumen und Zeigefinger glatt.<br>Chef blieb stumm; seine Mundwinkel zuckten nerv\u00f6s und Judd lehnte sich l\u00e4chelnd zur\u00fcck, als w\u00e4re das die Antwort, die er erwartet hatte. Erneut ert\u00f6nte ein Raunen, denn er mischte sich f\u00fcr gew\u00f6hnlich nicht in die Angelegenheiten der Firma ein und war mehr ein Mythos als alles andere.<br>Chef erhob die H\u00e4nde zu einer beschwichtigenden Geste und wechselte das Thema. \u00bbNun, meine Freunde, versteht ihr, warum es wichtig ist, dass wir wieder pr\u00e4sent sind? Vor Ort sind?\u00ab<br>Vereinzeltes, z\u00f6gerliches Kopfnicken war die Antwort.<br>Schlie\u00dflich meldete sich Judd erneut. \u00bbUnd wem gedenkt ihr, das Schicksal der Firma anzuvertrauen?\u00ab<br>\u00bbWir setzen auf Erfahrung. Auf Charme. Eine gewisse Eloquenz und Leutseligkeit ist dar\u00fcber hinaus definitiv hilfreich.\u00ab<br>Jay g\u00e4hnte gerade herzhaft, als er die bohrenden Blicke von dreizehn Augenpaaren auf sich sp\u00fcrte. Er schaute m\u00fcde zum Chef hinauf und sah ein breites L\u00e4cheln auf dessen Lippen. \u00bb\u00c4h \u2026 Moment \u2026 Ich habe scheinbar nicht alles ganz genau mitbekommen. Wollt ihr etwa mich in den Au\u00dfendienst schicken?\u00ab Nerv\u00f6s rutschte er auf dem B\u00fcrostuhl hin und her.<br>\u00bbWen, wenn nicht dich? Du kennst die Menschen wie kein Zweiter und hast bereits Erfahrungen gesammelt!\u00ab<br>\u00bbBereits Erfahrungen gesammelt? Tolle Erfahrungen waren das! Und es ist eine Ewigkeit her!\u00ab<br>\u00bb\u00dcbertreib bitte nicht! Eine Ewigkeit ist etwas ganz anderes, mein Sohn!\u00ab<br>\u00bbDu wei\u00dft, was ich damit sagen will!\u00ab Jays Miene verfinsterte sich. \u00bbUnd jetzt soll ich nach all der Zeit die andere Wange hinhalten? Sobald der da mitmischt\u00ab, er deutete auf Judd, \u00bblande ich am Kreuz!\u00ab<br>Judd warf ihm einen ver\u00e4chtlichen Blick zu. \u00bbWas unterstellst du mir? Strebt man nach h\u00f6heren Zielen, ist es eine moralische Verpflichtung, zu Opfern bereit zu sein! Oder etwa nicht? Ohne meine Unterst\u00fctzung w\u00e4re dein lustiger kleiner Ausflug reine Zeitverschwendung gewesen.\u00ab \u00dcberheblich l\u00e4chelnd lehnte er sich zur\u00fcck und verschr\u00e4nkte seine Arme vor der Brust.<br>\u00bbJudd hat leider nicht ganz unrecht, mein Sohn\u00ab, stimmte Chef zu. \u00bbAber Kreuzigungen sind heutzutage kaum noch \u00fcblich. Meide einfach die Regionen, in denen das noch an der Tagesordnung steht, und alles wird gut. Falls es dich beruhigt: Wir haben entschieden, dass es eine Ein-Mann-Mission ist.\u00ab<br>\u00bbDu wei\u00dft, ich bin immer deiner Meinung, aber diesmal nicht. Ich halte es in Zeiten wie diesen f\u00fcr Schwachsinn. Mit Verlaub.\u00ab<br>\u00bbHmm\u00ab, brummte Chef mit seiner tiefen Stimme. \u00bbGewagt und riskant? Ja! Schwachsinn? Ich glaube nicht!\u00ab Er wandte sich dem Aufsichtsrat zu. \u00bbLasst uns abstimmen! Wer daf\u00fcr ist, dass JayCee die ehrenvolle Aufgabe \u00fcbernimmt, der hebe die rechte Hand. Die Mehrheit entscheidet.\u00ab<br>Jay schloss die Augen und h\u00f6rte Chef leise z\u00e4hlen.<br>\u00bbEins, zwei, drei, vier, f\u00fcnf.\u00ab<br>Er kniff die Augen noch fester zusammen.<br>\u00bbSechs.\u00ab<br>Schwei\u00dfperlen bildeten sich auf seiner Stirn und er presste die Lippen aufeinander. Nach einer gef\u00fchlt endlosen Pause sagte Chef: \u00bbSieben!\u00ab<br>Jay sprang auf und warf die Arme in die Luft. \u00bbOooh, verdammter Mist! Was f\u00e4llt euch eigentlich ein?\u00ab Einige Kollegen grinsten unverhohlen, was ihn noch mehr aufregte. \u00bbWarum bist du daf\u00fcr, Judd? Hast du wieder Lust, mich zu opfern? Willst du Blut sehen?\u00ab<br>\u00bbAch, nicht doch! Jedenfalls nicht notwendigerweise. Sollte es sich allerdings als unausweichlich herausstellen, werde ich tun, was zu tun ist.\u00ab Er grinste herablassend und gl\u00e4ttete seinen Oberlippenbart.<br>\u00bbUnd du, Peter? Ernsthaft? Warum? Ich dachte, du w\u00e4rst mein Freund!\u00ab<br>Der sch\u00fcchtern wirkende junge Mann mit der hellblauen Krawatte senkte seine sanften Augen. \u00bbWeil du den Menschen guttun wirst, JayCee. Weil sie dich und uns brauchen. Viele wissen es noch nicht und andere haben es vergessen.\u00ab<br>\u00bbNa, danke auch!\u00ab An den Chef gewandt knurrte er: \u00bbUnd du bist ebenfalls der \u00dcberzeugung, dass sie auf mich warten, w\u00e4hrend sie Serien im Akkord glotzen oder auf ihr Smartphone starren?\u00ab<br>\u00bbWir denken ja, mein Sohn. Nicht jeder Einzelne wartet auf dich, aber viele.\u00ab<br>\u00bbDas sind ja tolle Aussichten!\u00ab<br>Judd meldete sich zu Wort. \u00bbDu weigerst dich doch lediglich, dein bequemes Leben als verh\u00e4tscheltes Papas\u00f6hnchen aufzugeben\u00ab, sagte er scharf. \u00bbWas leistest du schon f\u00fcr die Firma? Du faulenzt den ganzen Tag an der Spielkonsole, flanierst wie ein eitler Pfau durch die Flure und schwingst gro\u00dfe Reden!\u00ab<br>Jay ertrug den herablassenden Tonfall nicht. Er holte bereits tief Luft, aber Chef legte ihm die Hand auf die Schulter.<br>\u00bbJungs, lasst es gut sein! Das Meeting ist hiermit beendet. Ich werde euch auf dem Laufenden halten \u2026 Und jetzt: sch\u00f6nen Feierabend!\u00ab<br>In weniger als einer Minute leerte sich das Sitzungszimmer und Jay blieb mit Chef allein zur\u00fcck.<br>\u00bbMein Sohn, ich ben\u00f6tige noch etwas Zeit, bis alle Details geregelt sind. Nutze die n\u00e4chsten Tage gut! \u00dcberleg dir deine Schritte sorgf\u00e4ltig, denn die Planung \u00fcberlassen wir dir. Sobald alles vorbereitet ist, werde ich dich rufen!\u00ab<br>Chef nickte kurz und Jay verstand, dass die Unterhaltung damit beendet war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2021 \u2021 \u2021 \u2021 \u2021<\/p>\n\n\n\n<p>In den folgenden zwei Wochen war Jay schwer besch\u00e4ftigt. Zugegebenerma\u00dfen nicht mit der bevorstehenden Mission, aber immerhin hatte er drei neue Spiele beendet und seinen Ruf als Weltenretter untermauert.<br>Als Chef ihn in sein B\u00fcro bat, folgte er der Anweisung unverz\u00fcglich, wenngleich nicht frei von schlechtem Gewissen.<br>\u00bbMein Sohn, entschuldige, dass ich dich so lange habe warten lassen, aber die Vorbereitungen haben mehr Zeit in Anspruch genommen, als ich dachte.\u00ab<br>\u00bbKommt nun die gro\u00dfe Einsatzbesprechung?\u00ab<br>\u00bbJa. Kaffee?\u00ab<br>\u00bbWarum nicht \u2026\u00ab<br>Chef stellte zwei Tassen auf dem Schreibtisch ab und sprach eine halbe Stunde lang wie ein Vater zu seinem Sohn \u00fcber Ideen, Hoffnungen und Ziele. Er beendete seinen Monolog, in dem er einige Punkte der Pr\u00e4sentation wiederholt und die Wichtigkeit der Mission mehrfach nachdr\u00fccklich hervorgehoben hatte, und lehnte sich zur\u00fcck. Dann legte er die Fingerspitzen zusammen und seine H\u00e4nde formten ein Dreieck, \u00fcber welches hinweg er Jay fixierte. Da Jay vermied, ihn anzuschauen, und stattdessen auf die eigenen H\u00e4nde starrte, entgingen ihm der nerv\u00f6se Blick und die zitternden Finger seines Chefs.<br>\u00bbNun, Jay \u2026 Bist du bereit?\u00ab<br>\u00bbJa, das bin ich.\u00ab Er antwortete erschreckend schnell. Ihm war nicht entgangen, dass man ihm freie Hand in der Ausgestaltung seiner Mission lie\u00df und er allein die Verantwortung f\u00fcr das Gelingen trug. Das gefiel ihm gar nicht.<br>\u00bbFein. Dann ist es beschlossen! Du kennst das Ziel. Du sollst schalten und walten, wie es dir beliebt. Du hast alle Zeit, die du brauchst! Wenn du bereit bist, all das f\u00fcr uns auf dich zu nehmen, kann die Mission starten. Du wei\u00dft, wie wichtig du f\u00fcr dieses Unternehmen bist! Von dir h\u00e4ngt unser \u00dcberleben ab!\u00ab<br>\u00bbVielen Dank! Wenn du mich noch mehr unter Druck setzt, furze ich Diamantenstaub\u00ab, knurrte Jay.<br>\u00bbNa, na. Wenn einer von uns mit Menschen gut umgehen kann, bist du das! Und es ist eine gro\u00dfe Ehre, dass wir dich erneut ausgew\u00e4hlt haben, um die Firma zu retten. Das ist dir doch bewusst, oder?\u00ab<br>\u00bbAu\u00dfer mir ist ja niemand verr\u00fcckt genug, diesen Job zu \u00fcbernehmen.\u00ab<br>\u00bbDas ist vermutlich auch ein Grund.\u00ab Chef l\u00e4chelte unsicher.<br>\u00bbDie letzte Mission ist \u2026 eher bescheiden gelaufen \u2026\u00ab, gab Jay kleinlaut zu bedenken.<br>Chef z\u00f6gerte kurz und r\u00e4usperte sich. \u00bbDas Ergebnis z\u00e4hlt und manchmal muss man bereit sein, ein Opfer zu erbringen.\u00ab<br>\u00bbDu hast leicht reden. Von euch wurde kein Opfer verlangt.\u00ab<br>\u00bbAuch das ist richtig, mein Sohn. Aber ich denke, wir haben gut f\u00fcr dich gesorgt, oder?\u00ab<br>\u00bbHabt ihr\u00ab, stimmte Jay zu. Er war dankbar f\u00fcr das angenehme Leben in der Firma.<br>\u00bbNun? Bist du bereit?\u00ab, fragte Chef erneut mit einem leichten Zittern in seiner Stimme, das Jay diesmal nicht entging.<br>Er klingt nerv\u00f6s, dachte er. Kein Wunder! Mit ihm zusammenzuarbeiten, ist ein gro\u00dfes Ding. Um sich nicht die Bl\u00f6\u00dfe zu geben, antwortete er: \u00bbWas denkst du denn? Dass ich nur Videospiele gezockt habe?\u00ab In der Tat w\u00fcnschte er sich in diesem Moment, dass er weniger Zeit mit seiner Spielkonsole verbracht und stattdessen nur einen einzigen Gedanken an die Mission verschwendet h\u00e4tte.<br>\u00bbDann bin ich beruhigt. Es geht nichts \u00fcber einen ausgekl\u00fcgelten Plan und bei deinem Improvisationstalent sehe ich es als einen Spaziergang f\u00fcr dich an. Wei\u00dft du schon, wie du in Erscheinung treten willst?\u00ab<br>Jetzt grinste Jay und sagte spontan: \u00bbKlassisch.\u00ab<br>Chef kniff die Augen zusammen. \u00bbMein Sohn, wir haben das Jahr \u2026\u00ab Er stockte. \u00bbZweitausend und irgendwas in den Zwanzigern! Ich bin mir nicht sicher, ob du einen seri\u00f6sen Eindruck machst, wenn du in diesem Aufzug dort erscheinst. Und au\u00dferdem \u2026\u00ab<br>Jay fiel ihm ins Wort: \u00bbDas ist meine Entscheidung! Klassisch!\u00ab<br>\u00bb\u00dcberleg es dir bitte \u2026\u00ab<br>\u00bbNein!\u00ab Jay verschr\u00e4nkte die Arme vor der Brust.<br>\u00bbWie du meinst!\u00ab Chef wusste, dass gegen Jays Starrsinn nicht mit guten Worten anzukommen war. \u00bbDu bist ja schon erwachsen.\u00ab Er starrte lange auf seine Armbanduhr als pr\u00e4ge er sich die Uhrzeit genau ein. \u00bbDann geht es jetzt los! Verr\u00e4tst du mir, wie du die Mission beginnen wirst?\u00ab<br>Jay improvisierte. \u00bbIch besuche zuerst den gro\u00dfen Stellvertreter.\u00ab<br>\u00bbWunderbare Idee, JayCee!\u00ab, sagte Chef aufrichtig \u00fcberrascht. \u00bbDu hast deine Hausaufgaben gemacht, wie ich sehe! Ich wusste, du bist der richtige Mann f\u00fcr diese Mission!\u00ab<br>\u00bbIch hoffe, er wird mich anh\u00f6ren\u00ab, stieg Jay durch die positive Best\u00e4tigung in die eigene Improvisation ein. \u00bbEr d\u00fcrfte nicht gerade begeistert sein!\u00ab<br>\u00bbDu hast vollkommen recht, mein Sohn! Er wird von unserem Vorhaben ganz und gar nicht begeistert sein! Aber ich wei\u00df, dass du ihn \u00fcberzeugen wirst. Dein Besuch bei ihm hat hohe Priorit\u00e4t, und was auch geschieht: Sobald du in seinem Hoheitsgebiet ankommst, musst du bei ihm vorstellig werden. Nimm dir alle Zeit, die du brauchst, um die Mission zu einem guten Ende zu bringen. Nun geh zu Abigail und lass dich ausstatten.\u00ab<br>Jay erhob sich und sein Vorgesetzter, Freund und Vaterersatz trat hinter seinem Schreibtisch hervor. Chefs kr\u00e4ftige H\u00e4nde dr\u00fcckten sanft Jays Schultern und seine Augen waren feucht. \u00bbPass auf dich auf, mein Sohn. Ich lege all meine Hoffnung in dich.\u00ab Er schloss ihn in die Arme und fl\u00fcsterte: \u00bbUnser aller Segen sei mit dir, JayCee!\u00ab<br>Jay hatte das Gef\u00fchl, dass Chef ihm noch etwas anderes sagen wollte, aber da er schwieg, lie\u00df Jay es auf sich beruhen.\f<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kapitel II \u00bbKommst du, mein Sohn?Das Meeting beginnt in f\u00fcnf Minuten!\u00ab Ein wohlt\u00f6nender Bariton hallte durch den Flur.Der Sohn, dem dieser Aufruf galt, verdrehte die Augen. Er steckte mitten in einer wichtigen Mission, die darin bestand, eine Welt vor dem unausweichlichen Untergang zu retten. Nur er allein war in der Lage, diese Heldentat zu vollbringen. 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