{"id":5263,"date":"2025-03-31T15:54:27","date_gmt":"2025-03-31T13:54:27","guid":{"rendered":"https:\/\/iancushing.de\/?p=5263"},"modified":"2025-10-21T17:31:24","modified_gmt":"2025-10-21T15:31:24","slug":"der-letzte-gute-tag-leseprobe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iancushing.de\/?p=5263","title":{"rendered":"\u00bbDer letzte gute Tag\u00ab &#8211; Leseprobe"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Kapitel 1<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bevor ich das Haus betrete, klopfe ich die Asche von den Kleidern. Es ist nach alter Zeitrechnung vermutlich zwei Uhr nachmittags. Und d\u00e4mmrig. Wirklich hell wird es tags\u00fcber nicht mehr. Die Tage werden dominiert von einem tr\u00fcben Grau, das nicht nur das Licht, sondern auch die Farben der Welt verschluckt. Je nach Jahreszeit \u2013 wenn man an diesem altmodischen Denken festhalten will \u2013 ist das graue D\u00e4mmerlicht heller und damit ertr\u00e4glicher. Das wird vermutlich im Sommer sein. Aber davon sind wir weit entfernt. Die N\u00e4chte sind sternenlos. Unendlich. Tiefschwarz. Doch wenn das Endzeitleuchten den Himmel erhellt, verdr\u00e4ngt das Grau f\u00fcr Sekunden sogar die allumfassende Schw\u00e4rze.<br>Ich stemme mich gegen die Eingangst\u00fcr des Vierfamilienhauses. Sie ist verzogen und es macht M\u00fche, sie zu \u00f6ffnen. Niemand k\u00f6nnte das Haus unbemerkt betreten, denn das \u00d6ffnen entlockt dem Holz einen lauten Schrei. Zumindest klingt das Ger\u00e4usch \u2013 eine Mischung aus Quietschen und Knarren \u2013 wie der gequ\u00e4lte Aufschrei einer Katze. Die Haust\u00fcr l\u00e4sst sich nicht abschlie\u00dfen, gleichzeitig niemanden unbemerkt hinein; gleichwohl sitzt eine Wache dahinter. Die Zeiten sind unsicher.<br>Ich trete in den Hausflur und sto\u00dfe ein Seufzen aus. Ich verabscheue den Kerl in dem alten Sessel. Er besitzt kein Mitgef\u00fchl und keinen Anstand, dennoch hebe ich meine Hand und gr\u00fc\u00dfe. Weder h\u00f6flich noch unh\u00f6flich. Nichts weiter als ein emotionsloser Gru\u00df.<br>Er gr\u00fc\u00dft nicht zur\u00fcck. \u00bbSolltest mal zackig ins Zimmer 113 marschieren, da is\u2019 bald zappenduster\u00ab, informiert er mich und grinst.<br>\u00bbZimmer 113 hat einen Namen\u00ab, entgegne ich scharf.<br>\u00bbSch\u00f6n f\u00fcr sie.\u00ab Er widmet sich einer zerfledderten Illustrierten, die vor vier Jahren zum letzten Mal \u00fcber belanglose Neuigkeiten aus der Welt der Sch\u00f6nen und Reichen informiert hat und jetzt eine verzichtbare Erinnerung an eine verschwundene Welt ist.<br>Zimmer 113. Seit meinem f\u00fcnfzigsten Geburtstag existieren in der Welt immer weniger Namen. Die Menschheit, beziehungsweise was davon \u00fcbriggeblieben ist, hat sich in zwei Lager gespalten: In diejenigen, die sich an ihre Mitmenschen klammern und Schutz, Trost und Aufgaben innerhalb einer festen Gemeinschaft suchen; die Strukturen brauchen, die gef\u00fchrt werden wollen. Und in diejenigen, die sich nicht an Personen oder Orte binden; die wandern, suchen oder fliehen. Drifter.<br>Ich bin ein Wanderer zwischen diesen Welten. Ich kultiviere den Abstand zu meinen Mitmenschen, baue Mauern, bleibe auf Distanz. Ich verzichte auf Strukturen, die erfolglos das alte Leben imitieren wie Erbsenbrei ein Steak. Ich suche keine N\u00e4he zu den Menschen, um mich an deren Schultern auszuweinen oder ihre H\u00e4nde zu halten. Ich will ihre Namen nicht kennen, ihre Geschichten nicht h\u00f6ren. Ich frage nichts Pers\u00f6nliches, ich erz\u00e4hle nichts Pers\u00f6nliches.<br>Dieses Verhalten entspricht nicht meinem eigentlichen Charakter. Diese grundlegende Ver\u00e4nderung war keine bewusste Entscheidung; der Prozess geschah einfach. Unkontrollierbar, als verwandelte mich das Erscheinen des Vollmonds in einen Werwolf. Dieser Werwolf ist allerdings f\u00fcr niemanden gef\u00e4hrlich, er existiert ausschlie\u00dflich zu meinem Schutz. Er warnt mich vor komplizierten Beziehungen und Situationen, die mein Ziel gef\u00e4hrden und ich h\u00f6re auf ihn, da er sich selten irrt. Es ist ein psychologischer Mechanismus, den ich begr\u00fc\u00dfe, denn ich bin auf der Suche und \u00fcberzeugt, dass sie nur erfolgreich endet, wenn ich allein bin und bleibe.<br>Doch manchmal durchbricht ein L\u00e4cheln die Mauer; ein Blick \u00fcberbr\u00fcckt die Distanz. Meist, wenn ich Orte wie diesen erreiche. Und Menschen wie sie treffe. Sie verdienen, bei ihren Namen genannt zu werden. Sie verdienen, dass man ihre Geschichten h\u00f6rt und die eigene mit ihnen teilt. Treffe ich Menschen wie sie an Orten wie diesem, verwandle ich mich in mein altes Ich. Ich habe erneut keinen Einfluss darauf; wie ein Werwolf, der wieder zum Menschen werden muss, sobald der Vollmond hinter dem Horizont versinkt.<br>Ich steige die Treppe hinauf in die erste Etage. Links und rechts liegt je eine Wohnung, die Wohnungst\u00fcren sind lediglich angelehnt. In der rechten Wohnung h\u00e4nge ich meine Jacke und den Rucksack an die Garderobe und stecke mein Device in die Ges\u00e4\u00dftasche. Ich werde es brauchen.<br>Irgendwann nannte man die Smartphones, Tablets und Laptops nur noch Device. In der Werbung, im Alltag. Es wurde zwischen den Ger\u00e4ten nicht mehr unterschieden, alle waren ein Device; und jeder hat die Bezeichnung f\u00fcr die unverzichtbaren elektronischen Ger\u00e4te \u00fcbernommen.<br>Das Zimmer 113 befindet sich in der linken Wohnung im ersten Stock. Diese Wohnung verf\u00fcgt \u00fcber drei Zimmer, K\u00fcche und Bad. In allen drei R\u00e4umen leben alte und gebrechliche Menschen. Nicht ganz korrekt. In allen drei R\u00e4umen sterben alte und gebrechliche Menschen. Ich begr\u00fc\u00dfe die beiden anderen Bewohner heute nicht, sondern steuere direkt auf das hintere Zimmer, vermutlich war es fr\u00fcher das Kinderzimmer, zu. Vor der T\u00fcr verharre ich f\u00fcr einen Moment.<br>Stimmt es eigentlich, dass die Menschen zuerst sterben, die einem etwas bedeuten? Oder empfindet man es so, weil man deren Tode zu wichtig nimmt und die Tode derer, die man nicht ins Herz geschlossen hat, lediglich eine Randnotiz sind? Wir machen selbst da Unterschiede, wo der Tod keine macht.<br>Ich klopfe an. Erst nachdem ich eine m\u00fcde, unverst\u00e4ndliche Stimme vernehme, dr\u00fccke ich die Klinke hinunter. Die T\u00fcr h\u00e4ngt verzogen im Rahmen. Ein sanfter Sto\u00df mit der Schulter l\u00e4sst sie aufschwingen.<br>Das Zimmer spiegelt die Pflegeheime der alten Welt im Negativ. Was fr\u00fcher sauber und steril war, ist in der neuen Welt schmuddelig, verbraucht und muffig. Die geborstenen Fensterscheiben sind mit Pappe und Brettern vernagelt. Das einzige intakte Fenster l\u00e4sst einen Schimmer grauen Lichts hinein. Es wird selten gel\u00fcftet, um die Asche fernzuhalten, und doch ist alles mit einer grauen Schicht \u00fcberzogen. Sogar das Gesicht der bettl\u00e4gerigen Dame. Asche findet immer einen Weg, unsere Gesichter zu bedecken. Asche ist die Totenmaske der neuen Welt. Ich greife nach einer Kerze und entz\u00fcnde den Docht mit einem Streichholz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kapitel 1 Bevor ich das Haus betrete, klopfe ich die Asche von den Kleidern. Es ist nach alter Zeitrechnung vermutlich zwei Uhr nachmittags. Und d\u00e4mmrig. Wirklich hell wird es tags\u00fcber nicht mehr. Die Tage werden dominiert von einem tr\u00fcben Grau, das nicht nur das Licht, sondern auch die Farben der Welt verschluckt. 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