{"id":82,"date":"2019-10-12T09:12:51","date_gmt":"2019-10-12T09:12:51","guid":{"rendered":"http:\/\/iancushing.de\/?p=82"},"modified":"2025-10-21T17:39:22","modified_gmt":"2025-10-21T15:39:22","slug":"fuenf-minuten-leseprobe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iancushing.de\/?p=82","title":{"rendered":"F\u00fcnf Minuten &#8211; Leseprobe"},"content":{"rendered":"\n<p>1281 W\u00f6rter aus meinem Buch &#8222;F\u00fcnf Minuten&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Samstag, 14.03.2015<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\nIch\nhabe mich entschlossen, eine Art Tagebuch zu f\u00fchren und meine\nGedanken aufzuschreiben. F\u00fcr mich und vielleicht f\u00fcr andere. Es\ngibt gute Gr\u00fcnde daf\u00fcr&#8230; zum einen, was heute Nachmittag passiert\nist und zum anderen, weil ich denke, dass zu viel oder auch alles von\neinem Menschen Erlebte verlorengeht, wenn man es nicht aufschreibt.\nJeder kennt die Geschichten der Gro\u00dfeltern, mit denen sie auf jeder\nFamilienfeier nerven, bis man irgendwann nicht mehr hinh\u00f6rt. Wenn\ndie Gro\u00dfeltern dann schlie\u00dflich tot sind, erinnert man sich nicht\nmehr an die Einzelheiten und erz\u00e4hlt die Geschichte entweder falsch\noder gar nicht mehr. Ich habe keine Kinder und nur wenige Freunde,\ndenen ich meine Geschichten erz\u00e4hlen k\u00f6nnte und heute \u00fcberkommt\nmich das Gef\u00fchl und die Angst, dass alles, was ich bin, sich mit\nmeinem letzten Atemzug in einen Nebel aufl\u00f6st, der sich schnell\nsenken und mit dem Staub auf dem Fu\u00dfboden vermischen wird und eins\nwird mit dem Vergessen. Vielleicht, und das ist auch ein Grund,\nm\u00f6chte ich selbst vieles nicht vergessen. Wer ich war und warum ich\nso wurde, wie ich jetzt bin. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nfange nicht mit dem Ereignis an, welches mich dazu n\u00f6tigt, diese\nZeilen zu Papier zu bringen, sondern ich markiere meinen heutigen\nStandpunkt in meinem Leben, blicke zur\u00fcck und versuche\nmich an das zu erinnern, was f\u00fcr die heutigen Ereignisse vielleicht\nwichtig sein mag. Damit haben die heutigen Ereignisse die\nM\u00f6glichkeit, sich zu setzen<\/p>\n\n\n\n<p>\nund\nich habe die M\u00f6glichkeit, sie vielleicht zu einem sp\u00e4teren\nZeitpunkt etwas objektiver zu schildern.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nIch\nhatte eine gute Kindheit; meine Eltern waren gute <br>Menschen,\nrechtschaffen,  arbeitsam und liebevoll. Von den Problemen, die sie\nvielleicht gehabt haben m\u00f6gen, habe ich als Kind nie etwas zu sp\u00fcren\nbekommen; au\u00dfer an diesem Winterabend, an dem wir alle am\nK\u00fcchentisch sa\u00dfen, meine Eltern sich ernsthaft unterhielten und\nich, wie man es als Kind so tut, mit irgendwelchem Quatsch dazwischen\ngeredet habe. Da mussten sie mich ermahnen, dass meine Albernheiten\nnicht angebracht sind&#8230; aber das habe ich damals schon verstanden.\nDas war&#8217;s. Ich glaube, mehr \u00c4rger habe ich ihnen nicht gemacht und\nr\u00fcckblickend betrachtet, war das wohl nicht wirklich der Rede wert.\nEine Lappalie. Genau wie meine Sorge, dass meine Mutter bei einem\nElternabend in der vierten Klasse herausbekommt, dass ich ein\nschrecklicher St\u00f6renfried ersten Ranges bin. Ausgerechnet drei Tage\nvor dem Elternabend habe ich mich im Unterricht, wobei ich nicht mehr\nwei\u00df, welches Fach es war, mit meinem Sitznachbarn, dessen Namen ich\nvergessen habe, unterhalten und musste von der Lehrerin ermahnt\nwerden.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nIch\nstarrte aus dem Wohnzimmerfenster, in Erwartung, meine Mutter\nzutiefst entt\u00e4uscht und traurig den Berg zu unserer Wohnung durch\nden Schnee hinaufstapfen zu sehen und das Warten machte mich\nverr\u00fcckt, da ich diesen Fehltritt als so schlimm empfand, dass ich\nmir nur die schlimmste aller Strafen ausmalen konnte, n\u00e4mlich meine\nEltern ver\u00e4rgert zu haben und dass sie mich nicht mehr beachten\nw\u00fcrden. Irgendwann, nach einer gef\u00fchlten Ewigkeit in der selbst\nkreierten H\u00f6lle, kam meine Mutter nach Hause und freute sich doch\ntats\u00e4chlich dar\u00fcber, was f\u00fcr ein liebes, gescheites und artiges\nKind ich sei. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nWie\nman merkt, war ich ein sehr sch\u00fcchternes, \u00e4ngstliches Kind und\nnicht besonders mit Selbstbewusstsein gesegnet. Ich bin nun mal kein\nAlphamensch, sondern sehr von den Stimmungen anderer abh\u00e4ngig. So\nwar es als Kind und so ist es noch heute. Ich ging selten, oder noch\ntreffender, niemals in die Offensive, sondern reagierte nur. Ich\nhatte das Gl\u00fcck, dass ich es irgendwie immer schaffte, die\nMitsch\u00fcler und Erwachsenen davon zu \u00fcberzeugen, dass ich nett und\nharmlos bin, woraufhin sie mich zufrieden lie\u00dfen und sogar mochten.\nMeine Leistungen in der Schule waren ansehnlich und jeder glaubte,\ndass mir alles einfach so zufliegen w\u00fcrde, aber was niemand wissen\nkonnte, ist, dass ich vor jeder Klassenarbeit wie ein Verr\u00fcckter\ngepaukt, Blut und Wasser geschwitzt und zum lieben Gott gebetet habe,\ndass es gutgehen m\u00f6ge, aus Angst zu versagen. Ich m\u00f6chte\nr\u00fcckblickend meinen, dass es mir nicht m\u00f6glich war zu glauben, dass\nman alles aus eigener Kraft im Rahmen seiner M\u00f6glichkeiten schaffen\nkann. Kein Gott paukt Vokabeln mit irgendwem. Damals hat es seinen\nZweck erf\u00fcllt und daher habe ich auch heute noch Verst\u00e4ndnis f\u00fcr\ndie Menschen, die sich an einen Gott klammern und seine\nBarmherzigkeit t\u00e4glich mit Gebeten einfordern. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nIn\nden Achtzigern war Bolzen noch hoch im Kurs und da<\/p>\n\n\n\n<p>\nich\nin der N\u00e4he des Fu\u00dfballplatzes wohnte, musste ich meist nur ein\noder zwei Minuten aus dem Fenster schauen, um zu sehen, ob ein hoher\nBall getreten wurde und wenn dem so war, bin ich runtergegangen&#8230;\nzuerst vorsichtig, um zu schauen, wer dort spielt, aber wenn es\nKinder waren, mit denen ich gut auskam und die mir keine Angst\nmachten, habe ich mich der Gruppe angeschlossen. \u00c4ngstlichkeit ist\nmein Begleiter, seitdem ich geboren wurde. Ich hatte als Kind vor\nallem Angst und Sorge, was passieren k\u00f6nnte. Ich habe heute vor\nallem Angst und Sorge, was passieren k\u00f6nnte. Es vergeht kein Tag,\nseit dem ich angefangen habe bewusst zu denken, an dem ich nicht vor\ndem M\u00f6glichen und Unm\u00f6glichen Angst und Sorge um das Gelingen eines\njeden Gedankens und jeder Tat hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\nIch\nwei\u00df nicht, wo diese Angst zu Versagen ihren Ursprung hat.\nVielleicht bin ich durch meinem \u00e4lteren Bruder gepr\u00e4gt, der\nwirklich das komplette Gegenteil von mir war. Ein\nHans-Dampf-in-allen-Gassen, ein Troublemaker, wie er im Buche steht.\nVielleicht hat der viele \u00c4rger, den meine Eltern seinetwegen hatten,\nmich dazu gebracht, es anders zu machen. Allerdings w\u00e4re es\nvermessen, da eine bewusste Entscheidung hineinzuinterpretieren;\nvielmehr muss es eine unbewusste Entscheidung gewesen sein.\nHeutzutage ist mein Bruder aber ein anderer Mensch und auch das\nm\u00f6chte ich einmal zu Papier bringen. Nach seinen Flegeljahren hat er\neinen beeindruckenden Weg durch das Arbeitsleben gemacht und ich bin\nregelrecht dar\u00fcber erstaunt, was f\u00fcr M\u00fche und Arbeit er auf sich\nnimmt, um voranzukommen. Wollte ich als Kind nichts mit meinem Bruder\ngemeinsam haben, bin ich heute schwer beeindruckt von seinem Willen\nund Flei\u00df. Bei mir ist es andersherum gekommen: erst habe ich\nVollgas gegeben und jetzt befindet sich mein Leben im Leerlauf. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nWenn\nich von einigen wenigen Freunden absehe, mit denen ich gerne gespielt\nhabe, hat es mir Spa\u00df gemacht, mich mit mir selbst zu besch\u00e4ftigen.\nIch brauchte nie viele Menschen um mich herum. Ich konnte stundenlang\nin meinem Kinderzimmer mit meinem Playmobilspielzeug spielen, lesen,\nmalen oder H\u00f6rspielkassetten h\u00f6ren. Es gab immer wieder Tage, da\nmussten meine Eltern ab und zu mal in mein Kinderzimmer schauen, um\nsich zu vergewissern, dass ich noch da war, so wenig hat man mich als\nKind bemerkt. Daran hat sich bis heute nichts ge\u00e4ndert, nur die\nSpielzeuge sind andere geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\ndenke, dass ich, damals wie heute, ein recht angenehmer Zeitgenosse\nbin, mit dem man gut auskommen kann. Ich bin hochgradig\nharmoniebed\u00fcrftig, verursache niemals Unannehmlichkeiten und \u00e4rgere\nmich ausschlie\u00dflich \u00fcber mich selbst und meine Unzul\u00e4nglichkeiten.\nMeine Eltern waren niemals Menschen, die auf Konfrontationen aus\nwaren; viel wichtiger war, dass man nett, h\u00f6flich und korrekt\nwahrgenommen wurde, wie die Pinguine aus <em>Madagaskar<\/em>&#8230;\n<em>L\u00e4cheln\nund winken<\/em>.\nUnauff\u00e4llig sein und nirgends anecken. Das beherrsche ich bis zur\nPerfektion. Liegt es mir in den Genen oder ist es anerzogen?\nVielleicht ist das auch  nicht gesund, ich wei\u00df nicht. Ich bewundere\nheute Menschen, die Prinzipien und eigene Meinungen haben und sich\nnicht scheuen, diese kundzutun, egal ob es sich dabei um Schwachsinn\nhandelt oder nicht. Was ich allerdings nicht sch\u00e4tze, sind\nKlugschei\u00dfer und Menschen, die einen v\u00f6llig unaufgefordert mit\nihren Gedanken vollm\u00fcllen. Davon hat es in meinem Leben einige\nZeitgenossen gegeben; selbstgef\u00e4llige Arschl\u00f6cher, die Menschen wie\nmich gerne niedermachen und die ihre Position ausnutzen. Viele,\nwirklich viele Jahre lang hatte ich gro\u00dfe Schwierigkeiten, mit\nsolchen Situationen umzugehen und konnte es nicht einfach\nverarbeiten. Aber ich denke, ich habe mich damals niemals wirklich\nreflektiert und verstanden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1281 W\u00f6rter aus meinem Buch &#8222;F\u00fcnf Minuten&#8220; Samstag, 14.03.2015 Ich habe mich entschlossen, eine Art Tagebuch zu f\u00fchren und meine Gedanken aufzuschreiben. F\u00fcr mich und vielleicht f\u00fcr andere. 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