{"id":84,"date":"2019-10-12T09:15:04","date_gmt":"2019-10-12T09:15:04","guid":{"rendered":"http:\/\/iancushing.de\/?p=84"},"modified":"2025-10-21T17:39:22","modified_gmt":"2025-10-21T15:39:22","slug":"in-ewigkeit-leseprobe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iancushing.de\/?p=84","title":{"rendered":"In Ewigkeit &#8211; Leseprobe"},"content":{"rendered":"\n<p> 1137 W\u00f6rter aus meinem Buch &#8222;In Ewigkeit&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Mein VW-Bus zwinkerte mir zweimal zu, als ich auf die Fernbedienung der Zentralverriegelung dr\u00fcckte. Dieser Bus war eines der wenigen Relikte meiner Vergangenheit, welches ich bewusst in mein neues Leben mitgenommen habe.<\/p>\n\n\n\n<p>\nVor einigen Monaten\nstarb meine Ehefrau an einem Herzinfarkt und ich hatte mich neu\nerfunden. Ich bef\u00fcrchte, das klingt schrecklich pathetisch, aber im\nGro\u00dfen und Ganzen muss man es so nennen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nBereits vor dem Tod\nmeiner Frau hatte ich zaghaft und halbherzig damit begonnen mich zu\nver\u00e4ndern, denn ich erkannte, dass ich meine Pers\u00f6nlichkeit den\nZw\u00e4ngen der Gesellschaft, Arbeit und der R\u00fccksichtnahme auf die\nBefindlichkeiten meiner Mitmenschen untergeordnet und somit beinahe\ng\u00e4nzlich erstickt hatte. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nBei allem Dienen\nhatte ich vergessen, meine eigenen Leidenschaften, die mir\nZufriedenheit und im besten Falle einen kurzen Augenblick des Gl\u00fccks\nbescherten, zu kultivieren und auszuleben. Ich spreche dabei nicht\ndavon, dass ich jemals glaubte, die Welt ver\u00e4ndern zu k\u00f6nnen oder\nein gefeierter und weltber\u00fchmter Fotograf oder Journalist zu werden;\nes z\u00e4hlten jeher die kleinen Momente: Die Spannung, wenn ich auf\neinem Ausflug in die Natur ein, an meinen eigenen Ma\u00dfst\u00e4ben\ngemessen, besonders sch\u00f6nes Foto aufgenommen hatte und mich\nentschied, es in einem Fotogesch\u00e4ft ausdrucken zu lassen, um es\nanschlie\u00dfend gerahmt im Wohnzimmer an die Wand zu h\u00e4ngen und ein\nwenig Stolz und Befriedigung zu sp\u00fcren, wenn ich es ansah. Keiner\nmeiner Freunde, und noch nicht einmal meine Frau, w\u00fcrde beim Anblick\ndieses Bildes jemals so empfinden wie ich. Aber genau diese Momente\nim Leben sind entscheidend. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nIm Laufe der Zeit\nerlosch diese Leidenschaft, weil sie mir keine Befriedigung mehr\nverschaffte, so wie es mir mit meinen anderen Hobbys ebenfalls\nerging. Alles was mir jemals Freude verschafft hatte, wirkte beinahe\n\u00fcber Nacht wertlos und die Glut der Leidenschaft, etwas zu kreieren\noder zu erleben, wurde unter dem allt\u00e4glichen Dilemma des Lebens\nerstickt. Ich vermute, dass mir eine Depression oder Midlife-Crisis\nin den letzten Jahren die Lebensenergie aussaugte.<\/p>\n\n\n\n<p>\n Ich f\u00fchlte mich\ngefangen in meinem eigenen K\u00e4fig und die Erkenntnis der Absurdit\u00e4t\nmachte mir das Leben schwer. Warum sollte man so viel M\u00fche und\nEnergie in das Leben stecken, wenn es doch unweigerlich mit dem Tod\nendete? \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nDie Antwort war und\nist ganz simpel: Genau aus diesem Grund! Oft genug wurde bereits\numfassender, fundierter und intelligenter \u00fcber den Sinn des Lebens\nnachgedacht, spekuliert, philosophiert, aber ich habe f\u00fcr mich\nherausgefunden, dass der Sinn ausschlie\u00dflich darin bestehen kann, zu\nverstehen und zu akzeptieren, dass der Tod uns unweigerlich erwartet\nund dennoch nicht aufzuh\u00f6ren, seinen Tr\u00e4umen und Leidenschaften zu\nfolgen! Unser aller Bestreben sollte darauf ausgerichtet sein, die\neigene Pers\u00f6nlichkeit auszuleben und dabei so wenige Kompromisse wie\nm\u00f6glich einzugehen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nIch wollte lernen,\nmeine Jahre sinnvoll zu nutzen und nicht unter dem selbsterw\u00e4hlten\nJoch der Arbeit oder der Gesellschaft zu einem Roboter zu verkommen\nund daher hatte ich meinen unertr\u00e4glichen Job gek\u00fcndigt. Tagein,\ntagaus den Fu\u00dfabtreter, Kasper und Probleml\u00f6ser f\u00fcr die Kunden zu\nspielen und deren Unversch\u00e4mtheiten aus Servicegr\u00fcnden kommentarlos\nertragen zu m\u00fcssen, wurde irgendwann einfach zu viel und ich zog die\nKonsequenz. Bereits fr\u00fch im Leben erkannte ich, dass es mir gefiel,\nanderen Menschen hilfreich zu sein, denn es war meine Natur, aber ich\nstellte mitunter meine eigenen Bed\u00fcrfnisse zur\u00fcck. Ich war gut in\nmeinem Job, keine Frage! Sogar verdammt gut! Aber was die Menschen\nnicht sehen wollten oder, was ich als viel schlimmer empfand, als\nselbstverst\u00e4ndlich hinnahmen, war die Hilfe, die ich ihnen \u00fcber das\nMa\u00df des Notwendigen hinaus zuteilwerden lie\u00df. Dieser Punkt war\neiner unter vielen, aber vielleicht sogar der schwerwiegendste: Es\nh\u00e4tte nicht wehgetan, einmal Danke zu sagen, mir f\u00fcr meine M\u00fche\nein wenig Wertsch\u00e4tzung und Respekt entgegenzubringen. Ich h\u00e4tte\nnie verlangt, dass sie mir ein Denkmal errichten, sondern ein\ngelegentliches Danke und die Gewissheit, dass sie verstanden, dass\nich mich in ihrem Sinne mehr angestrengt hatte, als es normal war. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nDie Lektion, die\nmich die Jahre lehrten, war, dass man, wenn man seinen Job mit viel\nHerzblut ausf\u00fcllt, aber keine Wertsch\u00e4tzung zur\u00fcckgegeben wird,\nschlussendlich ausblutet.<\/p>\n\n\n\n<p>\n Statt Dankbarkeit\nwaren Faulheit, Gier und Neid so oft an meinem Schreibtisch zu Gast,\ndass ich mir schon \u00fcberlegte, einen Pfarrer zu bestellen, der die\nMenschen auf den Pfad der Tugend bringen sollte. Leider glaubte ich\nnicht an die g\u00f6ttliche Vergebung der S\u00fcnden und so blieb mir\nlediglich die Vermutung, dass die Menschen schlichtweg so sind:\ngierig, neidisch, faul und dumm. Es mag lediglich eine gef\u00fchlte\nWahrheit sein, dass die Menschen immer d\u00fcmmer werden, aber ich\nk\u00f6nnte hier jetzt so viele Beispiele aus meinem Arbeitsalltag\naufschreiben, dass an dieser Theorie kein Zweifel mehr best\u00fcnde.\nLeider hatte ich \u00fcber die vielen Jahre die F\u00e4higkeit verloren,\ndar\u00fcber zu lachen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nNat\u00fcrlich gab es\nauch die Menschen an meinem Schreibtisch, die meinen und den\nallgemeing\u00fcltigen Moralvorstellungen entsprachen, bescheiden,\nsympathisch und liebenswert waren, aber sie stellten lediglich eine\nkleine Minderheit dar und konnten den Ekel, der \u00fcber die Jahre meine\nSeele mit einem schwarzen, klebrig-stinkenden Schlamm verklebt hatte,\nnicht reinwaschen. Dieser Kampf gegen Windm\u00fchlen hatte mich \u00fcber\ndie Jahre so ausgelaugt, dass ich in meiner Freizeit nur noch vor\nmich hinvegetiert habe, empfindungsloser wurde und immer mehr das\nInteresse an den Mitmenschen verlor. Lediglich einer Handvoll\nMenschen geh\u00f6rte meine Liebe und Loyalit\u00e4t und sie w\u00fcrden sich\nimmer auf mich verlassen k\u00f6nnen, wie ich mich auf sie verlassen\nkann.<\/p>\n\n\n\n<p>\nMeine Frau und ich\nhatten uns eine kleine Summe angespart, denn aufgrund der Tatsache,\ndass wir f\u00fcr unsere Arbeit lebten, fehlte uns die Zeit das Geld\nauszugeben. Ich wusste, dass ich, wenn ich mein bescheidenes Leben\nweiterleben w\u00fcrde, sicherlich einige Jahre mit den Ersparnissen\nauskommen k\u00f6nnte. Was geschah, wenn das Geld ausgegeben w\u00e4re,\nwusste ich allerdings nicht. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nMein altes Ich h\u00e4tte\nsich zu jeder Sekunde des Tages den Kopf dar\u00fcber zerbrochen,\nTabellenkalkulationen aufgestellt und jeden Cent genauestens\nverplant. Heute war ich in dieser Angelegenheit entspannter, denn es\nw\u00fcrde immer eine L\u00f6sung geben und weitergehen. Es f\u00fchlte sich gut\nan, nicht an die Zukunft zu denken, sondern mit beiden Beinen im Hier\nund Jetzt zu stehen und zu schauen, wohin der Wind mich tragen w\u00fcrde.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>\nDie Ereignisse der\nletzten Monate brachten mich auf die Idee, eine F\u00fcnf-Minuten-Regel\neinzuf\u00fchren. Ich besa\u00df schon immer das zweifelhafte Talent, bei\nFragen, Problemen oder sogar allt\u00e4glichen Aufgaben, alles\nkaputtzudenken, da ich ein extrem entscheidungsunfreudiger Mensch\nwar, unabl\u00e4ssig die Vor- und Nachteile gegeneinander aufwog und mich\nso lange mit einer Entscheidung besch\u00e4ftigte, bis ich manchmal nicht\nmehr wusste, worin \u00fcberhaupt das Problem bestand. Dazu, und das mag\nnoch viel schwerer gewogen haben, hatte ich immer Angst eine falsche\nEntscheidung zu treffen, wobei es sich um eine abstrakte Furcht\nhandelte, denn auch wenn r\u00fcckblickend einige Entscheidungen von\nmeinem heutigen Blickpunkt nur schwerlich vertretbar erscheinen,\nhaben sie mir nicht geschadet. Meine neue Regel war mir oft eine\nHilfe, mich zu entscheiden, denn wenn ich nicht in tagelange,\nabstrakte Was-passiert-wenn-Gedankenspiele abdriftete, sondern in\nf\u00fcnf Minuten einen Entschluss fasste, blieb die Entscheidung immer\nviel n\u00e4her an meinem Bauchgef\u00fchl, anstatt zu einer\nVernunftentscheidung zu werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1137 W\u00f6rter aus meinem Buch &#8222;In Ewigkeit&#8220; Mein VW-Bus zwinkerte mir zweimal zu, als ich auf die Fernbedienung der Zentralverriegelung dr\u00fcckte. Dieser Bus war eines der wenigen Relikte meiner Vergangenheit, welches ich bewusst in mein neues Leben mitgenommen habe. 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