{"id":86,"date":"2019-10-12T09:20:50","date_gmt":"2019-10-12T09:20:50","guid":{"rendered":"http:\/\/iancushing.de\/?p=86"},"modified":"2025-10-21T17:39:21","modified_gmt":"2025-10-21T15:39:21","slug":"die-traene-der-zauberschen-leseprobe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iancushing.de\/?p=86","title":{"rendered":"Die Tr\u00e4ne der Zauberschen &#8211; Leseprobe"},"content":{"rendered":"\n<p>1477 W\u00f6rter aus meinem Buch &#8222;Die Tr\u00e4ne der Zauberschen&#8220;<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Kapitel<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>\u00bbWann besuchen wir die Gro\u00dfmutter?\u00ab <br>\nDie sechsj\u00e4hrige Grete blickte sie mit gro\u00dfen Augen erwartungsvoll an.<br>\nBarbara schenkte ihrer Tochter ein strahlendes L\u00e4cheln. \u00bbJetzt, wenn du m\u00f6chtest, mein Schatz. Vater ist unterwegs zum Vogt und bis zum Abendessen bleibt uns gen\u00fcgend Zeit\u00ab, sagte sie fr\u00f6hlich.<br>\nDer Vogt bekam oft hohen Besuch im Auftrag der Herzogin und bat Friederich regelm\u00e4\u00dfig, ihm zum Abend frische Brote zu backen. Es war ein bescheidener Wunsch des Vogtes, dem der B\u00e4cker auch am heutigen Tag mit Freude nachkam.<br>\nBarbara genoss es, mit Grete durch das Dorf zu spazieren, und erfreute sich daran mindestens so sehr wie ihre Tochter.<br>\nIhr Leben war anstrengend, aber sie war gl\u00fccklich. Sie liebte ihren Ehemann und sie wusste, dass er sie liebte, was in den harten Zeiten auf dem Lande nie eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit war. Besonders nachdem sie ihre gemeinsame Tochter geboren hatte, vermochte sie sich nicht vorzustellen, wie das Leben noch sch\u00f6ner sein k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>2<\/p>\n\n\n\n<p>Barbara hatte ihren Ehemann im Jahre des Herrn 1604 kennengelernt und es sollten die sieben sch\u00f6nsten Jahre ihres Lebens folgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie war im Nachbardorf aufgewachsen und selbst bei der besten Ernte war es ihnen nicht m\u00f6glich, aus eigener Kraft so viele Brotlaibe zu backen, wie der egoistische und selbstverliebte Dorfvorsteher zu seinem Hochzeitsfest gefordert hatte. Die Einwohner des Dorfes kamen nach reiflicher \u00dcberlegung zu dem Schluss, dass sie Hilfe ben\u00f6tigten und schickten Barbara, die Tochter des B\u00e4ckers, mit einem Brief, der ihre Notlage erkl\u00e4rte, nach Pf\u00fceln, um vom befreundeten B\u00e4cker Friederich einige Laibe Brot zu erbitten.<br>\nNachdem sie in Pf\u00fceln angekommen war, erkundigte sie sich bei der ersten Einwohnerin, die sie an der imposanten Kastanie am Ortseingang traf, nach dem Weg zur Backstube. Die vertr\u00e4umt l\u00e4chelnde, kleine Frau beschrieb ihr den Weg und als sie die B\u00e4ckerei erreichte, beobachtete sie Friederich f\u00fcr einen Moment durch die ge\u00f6ffnete T\u00fcr bei der Arbeit.<br>\nSie betrachtete ihn mit einer schamvollen Neugier. Er war f\u00fcr einen Mann nicht gro\u00df, aber die harte, t\u00e4gliche Arbeit hatte ihm einen kr\u00e4ftigen K\u00f6rper beschert. Die Glatze lie\u00df ihn \u00e4lter wirken, als er tats\u00e4chlich war; aber es waren seine g\u00fctigen Augen, in die sie sich augenblicklich verliebte. Sein mit Mehlstaub bedecktes Gesicht verst\u00e4rkte die Wirkung der braunen Augen, denn sie strahlten die Art von W\u00e4rme und G\u00fcte aus, nach der Barbara sich sehnte.<br>\nAls er sie bemerkte, kam er auf sie zu.<br>\nSie starrte ihn an und die sorgsam zurechtgelegten Worte, mit denen sie den B\u00e4cker um Hilfe zu bitten gedachte, waren aus ihrem Kopf verschwunden.<br>\n\u00bbSeid gegr\u00fc\u00dft, B\u00e4cker Friederich\u00ab, stotterte sie unbeholfen und blieb in der offenen T\u00fcr stehen. \u00bbMein Vater schickt mich mit einem Brief zu Euch\u00ab, lie\u00df sie ihn wissen, ohne jedoch Anstalten zu machen, ihm diesen zu reichen.<br>\nFriederich klopfte sich das Mehl von den H\u00e4nden und wartete. Ihr kam es wie eine Ewigkeit vor, w\u00e4hrend sie in seinen Augen versank. <br>\nSchlie\u00dflich deutete er auf ihre rechte Hand und l\u00e4chelte, als er fragte: \u00bbIst das der Brief?\u00ab<br>\n\u00bbVerzeiht?\u00ab Sie l\u00f6ste ihren Blick von seinem Gesicht und sah, dass sein Finger auf den Umschlag zeigte, den sie fest umklammert hielt. \u00bbJa, das ist er!\u00ab Sie sp\u00fcrte, wie ihre Wangen sich rosig f\u00e4rbten, r\u00e4usperte sich und schlug ihre Augen nieder. Dann fielen ihr die Worte wieder ein, die sie sich auf dem langen Marsch eingepr\u00e4gt hatte. Sie blickte ihn an und wollte ihren wohl\u00fcberlegten Text aufsagen, als sie sah, dass er lachte.<br>\n\u00bbLacht Ihr mich wom\u00f6glich aus?\u00ab, fragte sie mit einem Hauch Entr\u00fcstung in ihrer Stimme.<br>\n\u00bbMitnichten!\u00ab, beteuerte Friederich lachend. \u00bbIch bin allerdings von Eurer Art entz\u00fcckt und sehr erfreut, dass Ihr mich aufsucht. So tretet ein in meine bescheidene Behausung und setzt Euch! Darf ich Euch etwas zu trinken anbieten, w\u00e4hrend ich den Brief lese? Ich habe frische Milch f\u00fcr Euch.\u00ab<br>\n\u00bbSehr gerne\u00ab, sagte Barbara und sp\u00fcrte, wie sie noch mehr err\u00f6tete.<br>\nEr f\u00fchrte sie in sein Haus und sie nahm am K\u00fcchentisch Platz. <br>\n\u00bbIhr k\u00f6nnt lesen?\u00ab, fragte sie neugierig.<br>\n\u00bbJa, nicht sehr gut, aber es reicht\u00ab, erwiderte er. \u00bbUnser alter Pfarrer, Gott hab ihn selig, hatte sich in den Kopf gesetzt, den Jungs das Lesen beizubringen. \u00dcber Jahre hinweg hat er uns an mehreren Tagen in der Woche in seiner Stube unterrichtet.\u00ab<br>\nBarbara war beeindruckt und beinahe neidisch. Wie gern h\u00e4tte sie selbst lesen und schreiben gelernt.<br>\nNachdem er ihr ein Glas Milch gereicht hatte, setzte er sich ihr gegen\u00fcber und las den Brief in Ruhe. Wiederholt nickte er und strich sich \u00fcber den buschigen Schnauzbart.<br>\nAls er das Schreiben gelesen hatte, legte er es auf den Tisch, schaute in das Gesicht von Barbara und lachte schallend.<br>\nSie war verunsichert und f\u00fchlte sich verletzt, weil sie nicht verstand, warum er \u00fcber ihren Auftrag lachte. \u00bbWas habt Ihr, B\u00e4cker?! Haltet Ihr die Lage, in der wir uns befinden, etwa f\u00fcr l\u00e4cherlich?\u00ab <br>\nSie erschrak \u00fcber den schroffen Klang ihrer Stimme, denn schlie\u00dflich war das ganze Dorf auf Friederichs Hilfe angewiesen und sofort bedauerte sie ihren Tonfall.<br>\nEr antwortete nicht auf ihre Frage, sondern stand lachend auf und griff nach einem Tuch, welches auf einem Regal lag.<br>\nBarbara \u00e4rgerte sich entgegen ihrer liebensw\u00fcrdigen Natur noch mehr \u00fcber das Benehmen Friederichs. \u00bbNun verratet mir schon, warum Ihr mich auslacht. Ich finde Euer Verhalten nicht angemessen!\u00ab Sie stand auf und blickte ihn w\u00fctend an, wobei sie ihre Lippen kr\u00e4uselte.<br>\nDa lachte er noch lauter und machte mit der rechten Hand eine kreisf\u00f6rmige Geste um seinen Mund. Mit der linken Hand streckte er ihr das Tuch entgegen.<br>\nDa verstand sie. Ihr Gesicht gl\u00fchte nun und sie griff eilig nach dem Tuch.<br>\n\u00bbIch habe einen Milchbart, richtig?\u00ab<br>\nFriederich japste nach Luft und nickte.<br>\n\u00bbHerrje, wie unangenehm!\u00ab Sie wischte den Milchbart mit hektischen Bewegungen fort.<br>\n\u00bbIm Gegenteil, sehr h\u00fcbsch anzusehen\u00ab, keuchte er. \u00bbDas B\u00e4rtchen steht Euch hervorragend.\u00ab<br>\n\u00bbIhr seid gemein\u00ab, sagte sie und stimmte in das Gel\u00e4chter ein.<br>\n\u00bb\u00dcbrigens, ich hei\u00dfe Friederich\u00ab, sagte er atemlos und wischte sich eine Lachtr\u00e4ne aus dem Augenwinkel.<br>\n\u00bbIch bin Barbara.\u00ab<br>\n\u00bbIch bin hocherfreut, dich kennenzulernen, Barbara.\u00ab<br>\n\u00bbIch freu mich ebenso, dich kennenzulernen, Friederich.\u00ab<br>\nSie nahmen wieder Platz und er warf erneut einen Blick auf das Schreiben. <br>\n\u00bbAlso, zu eurem Problem \u2026 ich werde euch mit Freuden helfen. Ich trage zwar die Verantwortung, dass jeder in meinem Dorfe genug Brot zu essen hat, aber ich verstehe eure missliche Lage. Ich werde die gew\u00fcnschte Zahl an Broten f\u00fcr das Fest eures Vogtes backen und bin sicher, dass bei uns niemand Hunger leiden muss.\u00ab<br>\nBarbara sprang auf und klatschte in die H\u00e4nde. <br>\n\u00bbFein, da wird sich mein Vater sehr freuen!\u00ab, sagte sie gl\u00fccklich, wurde aber umgehend wieder ernst. \u00bbUnser Dorfvorsteher ist ein gemeiner und geh\u00e4ssiger Mensch und er hat ihm mit zwanzig Peitschenhieben gedroht, falls auch nur ein Brot fehlen sollte! Dabei hat er f\u00fcr seine Hochzeit mehr Essen geordert, als seine G\u00e4ste jemals essen k\u00f6nnten und er wei\u00df, dass wir all unsere Vorr\u00e4te daf\u00fcr aufbrauchen m\u00fcssen! Uns graut vor dem kommenden Winter und es w\u00e4re eine entbehrungsreiche, trostlose Zeit, wenn du uns nicht helfen w\u00fcrdest!\u00ab Mit leiser Stimme fragte Barbara \u00e4ngstlich: \u00bbIch hoffe, der Preis ist angemessen, den mein Vater dir anbietet?!\u00ab<br>\n\u00bbNun ja \u2026\u00ab, Friederich strich sich erneut \u00fcber den Schnauzbart und l\u00e4chelte freundlich. \u00bbDer Preis w\u00e4re in der Tat noch zu verhandeln.\u00ab<br>\n\u00bbWir k\u00f6nnen leider nicht mehr zahlen, als mein Vater dir angeboten hat. Das gesamte Dorf hat seine Taler und Groschen gegeben, damit wir im Winter nicht hungers sterben m\u00fcssen!\u00ab <br>\nBarbara war entt\u00e4uscht, denn sie hatte nicht erwartet, dass der B\u00e4cker versuchen w\u00fcrde, aus ihrer Notlage Profit zu schlagen.<br>\n\u00bbNun \u2026 \u00dcbermorgen soll das Fest beginnen, was mir gen\u00fcgend Zeit gibt, die Brote zu backen. Ich werde sie euch mit Freuden und pers\u00f6nlich bringen, aber nur unter einer Bedingung!\u00ab Er l\u00e4chelte und seine braunen Augen strahlten sie an.<br>\nBarbara klopfte das Herz bis zum Hals und sie sp\u00fcrte, dass sie erneut err\u00f6tete.<br>\n\u00bbDie Bedingung ist, dass ihr euer Geld behaltet und du bis \u00fcbermorgen in Pf\u00fceln bleibst und gemeinsam mit mir die Brote backst!\u00ab<br>\n\u00bbIch bin die Tochter eines B\u00e4ckers!\u00ab, jauchzte sie aufgeregt. \u00bbGewiss helfe ich! Du wirst keine Zeit mit unn\u00f6tigen Erkl\u00e4rungen verschwenden m\u00fcssen!\u00ab<br>\nEr lachte auf und streckte seine Hand aus. \u00bbAbgemacht?\u00ab<br>\nOhne zu z\u00f6gern schlug sie ein und entgegnete lachend: \u00bbAbgemacht!\u00ab<br>\nIn dieser Nacht quartierte er sie in einem Zimmer im Wirtshaus ein und tags darauf verlebten sie die sch\u00f6nsten Stunden ihres bis dahin jungen Lebens, als sie gemeinsam in der Backstube die Brote backten. Das augenscheinlich ungleiche Paar genoss die Zeit miteinander; sie lachten viel und waren einander vom ersten Moment an zugetan.<br>\nH\u00e4tten die Dorfbewohner durch die mehlbest\u00e4ubten Fensterscheiben geschaut, w\u00fcrde jeder einzelne bezeugen, dass Friederich noch niemals derma\u00dfen vergn\u00fcgt bei der Arbeit anzutreffen gewesen war.<br>\nAls das Tagwerk vollbracht war und der Abend d\u00e4mmerte, bat er Barbara, zum Abendessen zu bleiben. Nachdem sie eingewilligt hatte, verschwand er f\u00fcr eine halbe Stunde und kam mit einer Flasche Wein, Speck und Eiern zur\u00fcck. <br>\nIn dieser Nacht blieb das Bett im Wirtshaus leer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1477 W\u00f6rter aus meinem Buch &#8222;Die Tr\u00e4ne der Zauberschen&#8220; Kapitel \u00bbWann besuchen wir die Gro\u00dfmutter?\u00ab Die sechsj\u00e4hrige Grete blickte sie mit gro\u00dfen Augen erwartungsvoll an. 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