Ilona Arfaoui – Der Hexenmeister, die Macht und die Finsternis

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KurzmeinungIch betrachte das Buch als ein wunderbar inszeniertes Puzzlespiel und denke, dass „episch im Quadrat“ dem Buch halbwegs zur Ehre gereicht.Episch im Quadrat

Nachdem ich Ilona Arfaouis Roman “Der König der Schatten” gelesen hatte, war klar, dass ich auch “Der Hexenmeister, die Macht und die Finsternis” lesen muss. Was ich offensichtlich getan habe, denn nun möchte ich euch an meinen Gedanken zu dem Buch teilhaben lassen. Und wie immer gilt: das ist meine rein subjektive Meinung. 

Zuerst: dicke Bücher schüchtern mich ein. Aber sowas von. Aber auch wenn ich aufgrund meines individuellen Leseverhaltens gute drei Monate für den Hexenmeister benötigt habe, war es jede Minute wert! Ich hatte “Der König der Schatten” bereits als episch bezeichnet, aber was soll ich denn dann zu “Der Hexenmeister, die Macht und die Finsternis” sagen? Ich denke, dass “episch im Quadrat” dem Buch halbwegs zur Ehre gereicht.

Ilona Arfaoui schickt den Leser durch die Jahrhunderte, zieht ihn in die Vergangenheit und wieder zurück und eröffnet ihm Dimensionen, die er niemals kennenlernen möchte. Das “Draußen”, in dem sich die “gefallenen” Magier nach ihrem Tod wiederfinden, ist ein beklemmender, erschreckender Ort, dessen Hoffnungslosigkeit spürbar ist.
Vielleicht ist es mit der christlichen “Hölle” vergleichbar, auch wenn Draußen die Möglichkeit besteht, dass die Magier, wenn sie genug Macht erlangt haben oder ihnen dieses Geschenk zuteilwird, einen neuen menschlichen Körper erhalten und zurück auf die Erde dürfen. Doch ich habe mir oft gedacht: Wer will das schon? Die jahrhundertealte Schuld, der Hass, die Intrigen werden niemals auf null gesetzt, sondern früher oder später wird jeder wiedergekehrte Magier sich seiner Vorleben bewusst und auch die Familienbande bleiben (überwiegend) dieselben. In der Familie der Duncans ist das kein Geschenk, das kann ich euch verraten. 

Was bei “Der König der Schatten” eher angedeutet wurde, entfaltet sich beim Hexenmeister zu dem zentralen Thema. Die Familienbande, Intrigen, der Hass, die Schuld und die Verzweiflung. Geheimnisse, die jeder aus Angst für sich selbst bewahrt und die die Seele vergiften. Hass, der so groß und tief ist, obwohl er einer aufrichtigen Liebe entspringt und scheinbar nie wieder umgekehrt werden kann. 

Ich betrachte das Buch als ein wunderbar inszeniertes Puzzlespiel.
Besonders gelungen ist die Art und Weise, wie der Leser verschiedene (dramatische) Situationen in den verschiedenen Leben der Protagonisten immer wieder aus anderen Perspektiven erlebt und sich ganz langsam ein Bild ergibt, mit dem man nicht gerechnet hatte. Ein schönes Beispiel ist Guy Macenays (alias Cahal aus “Der König der Schatten”) Zeit im Kerker. Die Szene aus verschiedenen Perspektiven zu erleben und zu sehen, welche Emotionen, Gefühle und Gedanken den jeweiligen Protagonisten umtreiben, war für mich sehr intensiv! Die (meisten) Magier im Orden haben tonnenweise Schuld auf sich geladen und doch ist die Sicht- und Erzählweise entscheidend, ob man mit Guy mitfühlt oder ihn ins Niemandsland wünscht (und beides werdet ihr gegen euren Willen tun!) und genau darin liegt eine der besonderen Stärken des Buchs!
Ich persönlich sehe mich und meine Ansicht bestätigt, dass nicht nur eine einzelne, allgemeingültige Wahrheit im Leben existiert, sondern jeder spezielle Gründe für sein Handeln hat, die ihn zu bestimmten Taten treiben; unabhängig davon, ob diese Gründe redlich sind oder andere diese Gründe nachvollziehen können. 

Grandios ist es Ilona Arfaoui gelungen, auch historische Personen und Ereignisse in ihr Buch aufzunehmen und mit ihrer Fiktion zu vereinen. In Gilles de Rais hat Ilona eine perfekte historische Figur gefunden, denn die widerwärtigen Taten loten die Abgründe der menschlichen Seele extrem aus und sind wirklich nicht leicht verdaulich. Tja, und dann ist dieser Gilles de Rais dazu verdammt, immer und immer wieder und unendlich mit dem Wissen seiner Taten zu existieren, was in meinen Augen eine akzeptable Strafe darstellen würde, wäre er nicht so ein unangenehmer Zeitgenosse für seine Umgebung. 

Wundervoll fand ich auch den Teil, in dem Lawrence Duncan seinem Sohn über die Geschehnisse berichtet, die wir in “Der König der Schatten” en detail erleben durften, denn es entstanden sofort die Bilder im Kopf, die ich beim Lesen des Buches hatte. Das war wirklich gelungen und ich wunder mich nicht, dass Ilona gerade diesen Teil genommen hat, um ihn ausführlich zu erzählen. Durch “Der Hexenmeister, die Macht und die Finsternis” werden auch hier Geschehnisse vertieft und die Beweggründe der einzelnen Personen deutlich. 

Ilonas Stil ist toll und ich bin jeden Abend tief in den Welten und der Geschichte versunken. Sie schreibt großartig und findet immer die richtigen Worte, um dich zu schockieren oder zum Staunen oder gar zum Lachen zu bringen. Bereits der Anfang des Buches, in dem wir den Duncans auf “Terra Finis” (in den Jahren 1917 bis 1923) begegnen, ist so intensiv und düster, dass er perfekt auf den Rest des Buches einstimmt.  

Ich gebe aber auch zu, dass ich an manchen Stellen teilweise den Faden verloren habe, wenn sich mir nicht auf den ersten Blick zum Beispiel die Zeit erschlossen hatte, in der sich der Geschichte fortsetzte. Ab und an springt man von einem Satz auf den anderen zwischen dem Draußen und der realen Welt und in den Zeiten und das war für mich mitunter herausfordernd. Auch die verschiedenen Namen der Personen, und besonders, wenn nur deren “politischen” Bezeichnungen benutzt wurden, verwirrten mich. Dank Ilona finden wir aber ein Glossar im Anhang, in dem ich immer wieder geblättert habe, um mich schnell wieder in die Spur zu bringen. Aber das sind (aus meiner Sicht) die einzigen Makel, den ich in diesem epischen Werk finden konnte und das darf man getrost als “Jammern auf hohem Niveau” verbuchen und ist sicher meinen sonstigen Lesegewohnheiten oder auch kognitiven Fähigkeiten geschuldet. 

Wie auch in “Der König der Schatten” liegt mit “Der Hexenmeister, die Macht und die Finsternis” ein “Phantastischer Roman” vor, der aber nicht in die Klischeefalle der typischen Fantasyliteratur tappt und in dem es wieder keine Drachen, Einhörner und funkensprühende Zauberstäbe gibt. Nimmt man sich bestimmte Aspekte der Geschichte und beschäftigt sich mit ihnen, ist es vielmehr eine Allegorie auf das Leben und menschliches Verhalten. Ganz großes Kino, meine Freunde!

Ich bin mehr als glücklich, dass Ilona Arfaoui im Moment an einem neuen Roman schreibt, der die Geschichte fortführen wird und ich weiß, dass ich ihn mir definitiv holen werde, denn die Geschichten von Ilona sind anders und besonders. 

Fazit: Ein großartiges Epos, welches uns durch Zeit und Raum katapultiert. 

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