19.09.2019 – Wordworld

Wordworld

Bewertung:
Nachdem ich vor zwei Jahren schon das Vergnügen hatte, durch die beiden Romane „Fünf Minuten – Ein Tagebuch“ und „In Ewigkeit“ des Autors mit Fragen nach dem Sinn des Lebens konfrontiert zu werden, insgesamt aber leider nicht überzeugt werden konnte, starte ich mit Ian Cushings neustem Werk nun einen zweiten Versuch. Und durch „Die Träne der Zauberschen“ ist es tatsächlich vollbracht: ich wurde vom „Lieblings-Nicht-Fan“ zu einem echten Fan!

„Was bedeutet schon die Träne einer Zauberschen?“

Als ersten Punkt auf meiner Liste muss ich dieses bezaubernde Cover loben. Wie seine Vorgänger ist auch dieser Band in einem einheitlichen Schwarz gehalten, kunstvoll durchbrochen durch den weißen Titel und das goldene Motiv. Wieder hat der Künstler Karmazid, von dem die Illustration stammt, ein wirkliches Kunstwerk geschaffen. Die Zweiteilung in Vergangenheit und Jetzt, Schönheit und Abscheulichkeit, Leben und Tod, Unversehrt und Verbrannt umschlungen von Flammen, wallenden Haaren und einzelnen Sternen verdeutlicht die Ambivalenz und die Gegensätze, die im Roman immer wieder gegenübergestellt werden.

Auch der Titel in Form einer Träne passt wunderbar ins Bild und macht neugierig. Einzig die starken Schnörkel, die die Leserlichkeit des Titels stark schmälert könnte man an der rundum gelungenen Gestaltung anprangern. Was ich ebenfalls noch hervorheben möchte ist, dass mein Printexemplar in passendem (!) Geschenkpapier, signiert und mit allerlei Goodies wie beispielsweise das Lesezeichen (siehe rechts) bei mir ankam. An dieser Stelle ein riesiges Lob an den Selfpublisher-Autor für das professionelle Auftreten, die zauberhafte Gestaltung und das qualitativ hochwertige Lektorat. 

Erster Satz: „Sie treibt schwerelos in einem Ozean allumfassender vollkommener Dunkelheit, die es ihr unmöglich macht zu erkennen, ob sie ihre Augen geöffnet oder geschlossen hat und doch sieht sie immer wieder Bilder und Szenen aus dem Leben anderer Menschen.“

Mit diesen Worten steigen wir in einen kleinen Prolog ein bevor wir im ersten von 17 Kapiteln den ersten Handlungsstrang des Romans nähergebracht bekommen. Wir lernen die herzensgute, wunderschöne und fromme Barbara kennen, die mit ihrem Mann Friederich und ihrer sechsjährigen Tochter Grete in Pfüeln im Jahr 1611. Die Bäckerfamilie lebt glücklich und genügsam in dem kleinen Dorf bis der Teufel in der Haut von Bannrichter Justus Arbiter Einzug hält und Zwietracht sät. Die kluge Barbara mit ihrem Kräuterwissen wird schnell zur Zielscheibe für Anschuldigungen, sie sei eine Hexe und als sich dann auch noch eine Freundin gegen sie stellt, wird der unschuldigen Frau einen grausamen Scheinprozess gemacht. So müssen wir zusehen, wie sie durch Verleumdung und Verrat vom rechten Weg abkommt…

„Vielleicht sind die Kinder näher an der Wahrheit als die Erwachsenen.“

Was das mit den drei Freunden Dirk, Marcus und Jan zu tun hat, die in der Gegenwart im beschaulichen Pfuhlenbeck leben, ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich. Je besser wir die drei Familienväter jedoch kennenlernen, desto mehr Parallelen tauchen auf und als dann auch noch eine geisterhafte Erscheinung Rache für 400 Jahre alte Willkür und Grausamkeit fordert, wird klar, worauf die Geschichte hinauslaufen wird. Das scheinbar vorhersehbare Grundgerüst wird dann jedoch durch etliche spannende Details und Überraschungen aufgepeppt, sodass keine Langweile aufkommt. Der Beginn zieht sich zwar durch die ausführliche Einführung in  Barbaras Leben im 17 Jahrhundert und die detaillierte Beschreibung der jeweiligen Lebensumstände von Jan, Dirk und Marcus (auch genannt „der Verstand, das Herz und die Hand„) ein wenig hin, die Einteilung in kurze Unterkapitel und die ständig wechselnden Erzählperspektiven halten Spannung und das Tempo jedoch hoch.

„Wann?“, hauchte er. „Wer weiß?“, lautete ihre lakonische Antwort und als würde der Wind die Asche eines heruntergebrannten Lagerfeuers in alle Himmelsrichtungen verteilen, verlor sich ihre Gestalt in einem Wirbel aus Asche und Funken. Unglauben. Gewissheit. Fantasie. Wahrheit. Nun wusste Jan endlich, was Angst bedeutet.“

Auch die Sprache Ian Cushings kann wieder überzeugen. Er schreibt ruhig und niveauvoll und schildert nicht etwa blumig oder ausschweifend sondern sehr sachlich, klar, direkt und realistisch die Geschehnisse. Über die leichte Distanz, die sich durch den eher kühlen Stil ergibt, war ich angesichts der teilweise sehr brutalen und schonungslosen Szenen sehr froh. Ansonsten umrahmen intelligente Anspielungen und innovativen Sprachbilder diese Geschichte, die so viel in ihren knapp 500 Seiten beinhaltet: Drama, Philosophie, Mystery, Grusel und Thriller-Elemente – die Geschichte ist facettenreich und so wird sie auch präsentiert. Durch die geschickte Verknüpfung der beiden Handlungsstränge erhalten wir einen Roman, der sowohl historischer Roman als auch Gruselgeschichte ist. Es geht um Vorurteile, Hetze und Verfolgung von Hexen, es geht jedoch auch um drei Familienväter, die ihre Frauen und Kinder gegen eine unheimliche Geistererscheinung verteidigen müssen, um eine Freundschaft, die über Generationen verbindet. Dabei wird der ältere Handlungsstrang keineswegs nur dazu verwendet, den jüngeren zu erklären sondern steht ihm gleichwertig gegenüber und dient vor allem dazu, uns die tragische Figur Barbaras näherzubringen. Mit jedem Zeitwechsel wechselt Barbara vom Held zum Antiheld und wieder zurück, werden Sympathie und Mitleid angesichts ihres Leids und Angst und Unverstehen angesichts ihrer Taten gegenüber gestellt, bis man als Leser irgendwann versteht, dass diese Kategorien hier eigentlich gar nicht so wichtig sind.

Und das ist die wahre Stärke des Romans: die ambivalenten, authentischen Figuren, mit denen man einfach mitfiebern muss – damals wie heute. Es geht nicht so sehr um gruselige Effekte und große Dramatik, hier stehen die Charakterstudie und die Hintergründe des Handelns der Figuren im Vordergrund. Dieser Roman ist gruselig ohne blutrünstig zu sein, nachdenklich ohne ins lahm philosophierende abzurutschen und spannend ohne unnützes Drama zu benötigen. Und so schreibt sich Ian Cushing mit dieser tragischen Geschichte von Ungerechtigkeit und Vergeltung an der breiten Leserschaft vorbei, direkt in mein Herz.

„Engel, Geister, Seelen, die in unsere Welt eindrangen. Oder vielleicht immer in unserer Welt um uns waren. All das wollte er für möglich halten. Warum nicht? Sehr lange war die Menschheit fest davon überzeugt gewesen, dass die Erde eine Scheibe wäre. Und genauso gut konnte man sich in der Annahme irren, dass es keine Spiritualität gab.“

Besonders interessant ist auch der geheimnisvolle Dialog, zwischen zwei sich liebevollstreitenden Instanzen, die das Geschehen kommentieren. Damit regt der Autor zum Nachdenken an, ohne die „großen“ Fragen nach Gott oder Teufel, Gut oder Böse oder andere Kategorien klar zu beantworten. Lenkende Mächte, das Schicksal, Gerechtigkeit, Rache, Magie, Historie, Vergebung, Liebe, Hass, Frieden und Angst – der ungewöhnliche, packende Mix, der entsteht, lässt sich nur schwer einem genauen Genre zuordnen.

Das Ende überrascht und bricht erstmal aus dem erwarteten Muster aus. Der hinten angestellte Epilog dreht das Szenario dann aber nochmal, sodass ich mir wünschte, die Geschichte hätte einfach zehn Seiten früher geendet – mit Hoffnung und nicht mit einem mulmigen Gefühl. Alles in allem trübte also nur der recht langsame Beginn das Bild.

Fazit:
Ian Cushing schreibt sich mit dieser tragischen Geschichte von Ungerechtigkeit und Vergeltung an der breiten Leserschaft vorbei, direkt in mein Herz. Drama, Philosophie, Mystery, Grusel und Thriller-Elemente – hier entsteht ein ungewöhnlicher, packender Mix aus Horror- und Historischem Roman.

PS: Vielen Dank an Ian Cushing für das Rezensionsexemplar! Schön, dass ich als dein Nicht-Fan nach meiner vernichtenden Rezension zum ersten Versuch nochmal dein Vertrauen wecken konnte! 😉 

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