Willkommen bei »Agonie auf der Rolltreppe« von Sebastian Kreimeier.
Das Buch ist eine Dystopie, die mit beiden Beinen in unserer heutigen Realität verwurzelt ist.
Basti hat studiert, aber Basti ist arbeitslos. Der Arbeitsmarkt ist hart und nicht jeder passt in die Schablonen, die von den Unternehmen angelegt werden. Von seinen Selbstzweifeln und Ängsten geplagt, wählt Basti den direkten Ausweg – den Sprung aus dem Fenster. Sein PsyBuddy macht dabei keinen wirklich guten Job.
Virtuelle Buddys sind einfach überall und sind eine KI, die sich u. a. holografisch manifestiert, technisch ausgereift ist, und die einen Therapeuten ersetzen soll oder weiß, was du einkaufen willst. PsyBuddys sorgen dafür, dass du durch Achtsamkeit ein funktionierendes Rad im Getriebe des Kapitalismus bleibst. Achtsamkeit ist nicht dazu da, dass du dich gut fühlst. Sie ist dazu da, dass du in deren Sinne funktionierst. Ich mag diese bitterböse Idee wirklich gern.
Basti überlebt, geht zur Reha und trifft auf eine Selbsthilfegruppe. Triple A. Dort lernt er Antjje (mit zwei J, aber das zweite J ist stumm), Anton und Alex kennen. Genau wie Basti sind sie harte Kritiker der Gesellschaft und des Kapitalismus. In eigenen Kapiteln schildert jeder von ihnen seine Erlebnisse und besonders gelungen fand ich die Geschichte von Antjje, in der man erfährt, dass die großen Konzerne sich sogar das Namensrecht unter den Nagel gerissen haben. Alles wird zu einer Ware. Freie Namenswahl für Eure Kinder? Das ist so 2026, Leute.
Der Klassenkampf Arm gegen Reich und der Krieg um das wirtschaftliche Monopol toben von der Mehrheit unbemerkt im Hintergrund, und Basti lernt zufällig (?) einen Geschäftsmann kennen, der ihn überzeugt für ihn zu arbeiten; und so wird er Euphemismus-Schmied. Ist nicht das, was er sich immer gewünscht hat? Einen guten Job? Und aller Kritik am System zum Trotz, wechselt Basti die Seiten. Man ist nur so lange gegen etwas, bis man endlich ein Teil davon ist.
Als er erneut auf seine Freunde von der Triple A trifft, beschleunigt sich die Rolltreppe, und das Ende der Geschichte gefällt mir mächtig gut – wird aber nicht verraten.

Mir persönlich waren die mitunter ausufernden Passagen, in denen sich die Protagonisten ihrer Kritik und Sichtweise über Markt und Kapitalismus, Gesellschaft usw. hingeben, manchmal ein wenig zu lang. Allerdings glaube ich (als Selfpublisher) zu verstehen, dass der Autor es genau so haben wollte. Erklärend, monologisierend, darstellend, wachrüttelnd. Und vielleicht sogar für sich selbst befreiend.
Als Leser denke ich, dass dieses Buch einen noch intensiveren Sog entwickelt hätte, wenn man diese Passagen strafft oder anders einbindet, damit das Tempo hoch bleibt.
Ich mochte an dem Buch den Schreibstil, die (pop-)kulturellen Anspielungen auf Bücher und Filme, die Story und die vielen Ideen, die Sebastian eingebracht hat. Ideen, die sich, ich erwähnte es bereits, bereit überholt haben, wenn man liest, wie viel Prozent der Jugendlichen sich mit psychischen Problemen bereits an eine KI wenden. Das Verdeutlichen, dass wir bereits heute alle nur hier sind, um zu konsumieren. Und es verdammt gern tun – aber nicht aus freien Stücken, sondern weil der Markt dich kennt, und weiß, was du brauchst, und dich gern darauf aufmerksam macht. Der Konsum-Kapitalismus kümmert sich um Euch. Das Erleben wir doch alle jeden Tag in den sozialen Medien, oder? Die vielen Details und Zukunftsaussichten waren gleichzeitig erfrischend und erschreckend zu entdecken.
Das Weltbild ist düster, aber wir stecken schon mitten in Sebastians Buch.
Wer Dystopien mit einem Hauch Future Tech mag, sich mit Themen auseinandersetzen möchte, die für jeden Einzelnen von uns unbequem sind (wenn man sich die Zeit nimmt, ernsthaft darüber nachzudenken), sollte sich »Agonie auf der Rolltreppe« auf seinen Einkaufszettel schreiben. (Das diktiert Euch nicht der Markt, sondern das ist eine Empfehlung von mir.)
In diesem Sinne … Which side are you on?
Ian.